Prosser: Phantome

„Ich bin das Brot deines Lebens“, steht auf dem grünen Stoff, der über das Stehpult der Evangelischen Auferstehungskirche gebreitet ist. Dahinter steht Robert Prosser, der aus seinem Roman „Phantome“ vortragen wird.

Sein Buch handelt vom Bosnienkrieg, von Menschen, deren Leben durch diese Katastrophe zerstört wurde. Der Roman ist eine – zumindest an seinen stärksten Stellen auch in die Sprache gespiegelte – Chronik der zwischen Vergangenheit und Gegenwart zerrissenen Identität und den Versuchen, sie zu flicken oder überhaupt zu konstruieren. Seine Sprache dabei: „Zack zack zack grell leuchtend“. Prosser schreibt keine Vergangenheitsbewältigung, das wäre Hohn. Er bleibt der Aufgabe des Chronisten treu: Sammeln, Aufzeichnen, Festhalten. Gegen das Vergessen stellt er eine Geschichtsschreibung in Romanform. Um zu zeigen, wie das Buch funktioniert – nämlich auf zwei Zeitebenen: Vergangenheit und Gegenwart – liest Prosser zuerst einen Abschnitt aus dem Kapitel „1992“ vor.

Anisa, eine der Hauptfiguren, am Bahnhof in Wien, nach geglückter Flucht. Der Alltag im Flüchtlingslager mit den Bosniaken und muslimischen Bosniern. In ihrer Tasche der Rotkreuzzettel, ein kurzer Brief an den Vater in der Heimat: unzustellbar, „B.T.S. – Back to Sender“. So steht sie dann im Kunsthistorischen Museum, betrachtet die Bilder, den Bildersturm im eigenen Kopf aus dem Fernsehen jeden Abend um 20 Uhr. „Alle Legenden, sämtliche Heiligen, denkt Anisa im Museum, müsste sie mit ihrer eigenen Geschichte vollpumpen, bis etwa das Bildnis des alten, einzig mit einem roten Tuch um die knochigen Hüften bekleideten Mannes zerplatzt und Farbspritzer auf die schweigsamen, schier andächtigen Besucher regnen.“ Die Zeitebenen fließen ineinander, Andacht darf es nur als Andacht des Grauens geben. Der Eskapismus der heiligen Kunst ist Flucht vor der Realität, das scheint die harte Sprache Prossers zu sagen: Kunst rettet sich nur in der Konfrontation mit der Geschichte.

Dann der zweite Teil der Lesung, in Auszügen der an den Beginn gestellte Monolog des Graffiti sprayenden Erzählers. Prosser tritt dazu, wie selbstverständlich, vom Pult weg. Gott ist das Brot deines Lebens, aber Gott ist weniger noch als die titelgebenden Phantome. Im Roman figuriert er lediglich noch als hilflose Klage über die Toten. Die Heiligen müssten zerplatzen.

Prosser trägt in beeindruckender Weise vor. Sein harter Akzent schneidet die rhythmisierten Sätze in die Luft hinein, ritzt sie in das helle Holz. Jeder Satz eine Wunde. Der Text wogt vor und zurück, wird schneller, knallt die Satzteile im Stakkato auf die Seite, spannt sich und entspannt sich, er pulsiert. „Checklist: Im Rucksack acht Spraydosen, 500 Milliliter Orange, Grün, Rot, Blau, zweimal Schwarz, zweimal Chrom. Handschuhe eingepackt, das Bandana um den Hals, ein Griff und mein Gesicht ist vermummt.“

Prosser poetisiert den Text, sein Background aus Hip-Hop, Graffiti und Lyrikbühne scheint durch. Die starke, pausierende Betonung auf den Ichs und den Unds treibt den Text ins Lyrische. Nur der Beat fehlt. Was der Jazz für die Beat-Generation, deren derwischhafte Poesie hier angerufen wird, das ist der Hip-Hop für Prosser.

Es ist 2014, der Erzähler, mit Sara zusammen, Anisas Tochter, ist auf der Suche nach Authentizität: „Ich glaub, dass Graffiti den Alltag unterläuft, aushöhlt, Katakomben bildet.“ Im Roman fungieren Graffiti als Symbol einer Alternativgeschichte: In den Katakomben der Sprache ist Prosser auf der Suche danach. Wenn alles medial verfügbar zum Bild wird, wo gibt es dann noch lebendige Erinnerung?

Mit Kraus gesprochen: Es muss in Worten gefasst werden, was sich nicht in Worte fassen lässt: Srebrenica, Sarajevo, die Massaker. Und vor Milošević und Mladić waren die Ustascha-Faschisten. Eine Szene des Buches beschreibt ein Museum, die ganze Wand bedeckt mit Fotos entstellter Kinderleichen in Kindersärgen.

Und das Wort „Auferstehung“ ist stumm in das hölzerne Taufbecken der Kirche geschnitzt.

Prossers Figuren wanken unter dem Druck der unversöhnten Geschichte, die nie ganz bewusst, aber doch immer bestimmend, in ihrem Leben bleibt. Der Erzähler und Sara fahren nach Tuzla, eine Spurensuche in der ehemaligen Industriestadt Bosniens. Dort, auf Party und Riot – einer Demonstration gegen Regierung und Korruption – auf die sie von Saras Cousin, „Username: Tiger“, gebracht werden, zeigt sich, worin für Prosser Widerspruch und Authentizität zugleich bestehen.

„Nothing but a hopeful little bit of hallucination“, eine Zeile aus Ginsbergs „Howl“, könnte ebenso gut zu diesen Szenen passen. Graffiti und Hip-Hop sind selbst Mainstream geworden, aber in Tuzla, so der Erzähler, ist zumindest in einigen traumhaften Augenblicken die Geschichte offen, „als hätte Rap einen Sprung zurück nach Brooklyn Anfang der Neunzigerjahre gemacht, um neu zu beginnen und es dieses Mal wenn nicht richtig, so zumindest anders zu machen“. Aerosol, Speed oder Tränengas, erst im benebelten Bewusstsein beginnt sich im Roman etwas zu öffnen.

Diese Offenheit beschwört Prossers Prosa, ob gewollt oder nicht, in dem Spalt zwischen anglizistischer Kommodifizierung der Sprache und dennoch treffendem, der Wirklichkeit abgelauschtem Ausdruck. „Tuzla ist eine entwässerte Blaue Lagune, wie die Nike-Klamotten oder die von Adidas, alles falsch: die Kleidung, die Smartphones, die Schmauchspuren, alles fake, bis auf solche Momente, wenn Bierflaschen von Dächern oder auf Politiker fliegen und die Träumerein sich hochschwingen und ein jeder Flügelschlag ein Fuck, ein Fuck.“

Und ein jeder dieser Sätze passt. Sie verlieren sich im weiteren Verlauf in den eher konventionellen Szenen und Dialogen ein wenig, im Mittelteil, der die Handlung in den Bosnienkrieg verlagert, auch das Stilmittel als Zurücknahme der erzählenden Hauptfigur gegenüber des erzählten Grauens. Das schrumpft dadurch allerdings ein wenig zur üblichen Kriegsgeschichte, Anklang positivistischen Gedankenguts. Das ist verzeihbar. Denn wenn die starken Sätze doch wieder auf der Seite stehen, dann sitzen sie. Applaus, vielen Dank, Ende.

Von Christian Lamp

Robert Prosser: „Phantome„, Ullstein Verlag, 2017, 336 Seiten.

Zuerst erschienen in SZ (Fürstenfeldbruck), 8./9. September 2017.

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