Hamilton: The City Always Wins

“I wish we had taken Maspero”: ein Satz, der “The City Always Wins” von Omar Robert Hamilton heimsucht. Der dicht geschriebene Roman dreht sich um die ägyptische Revolution von 2011, genauer gesagt, um das Scheitern derselben. Dieses Scheitern steht von vornherein fest, ist aufgrund der Aktualität des Themas eigentlich ins kulturelle Gedächtnis eingebrannt. Dass dem aber gerade nicht so ist, jedenfalls hier geläufige Perspektiven auf diese Geschichte unterminiert werden, stellt sich bei der Lektüre schnell heraus. Euphorie kommt nie auf, wird vielmehr sofort gebrochen, indem die Erzählung einsetzt nach der Vertreibung von Mubarak, d.h. mit einem Massaker an Demonstranten und mit Mariam, neben Khalil und Hafez die dritte Hauptfigur des Romans, im Leichenhaus. So umgeht Hamilton die Problematik eines Romans, der von dem handelt, was jeder noch genau weiß: durch beharrliche Maulwurfsarbeit.

Im Grunde genommen ist der Roman eine Meditation auf die Logistik der Revolution. Das Chaos Collective, die zusammengewürfelte Hacker-Truppe, die im Mittelpunkt der Handlung steht, kann exemplarisch für die Digital Natives gelten, die das Internet als bedingungslos befreiende Macht begreifen. Im Hintergrund steht das tatsächlich existierende Kollektiv Mosireen, dem Hamilton, seines Zeichens britischer Filmemacher, während der ägyptischen Revolution selbst angehörte. Nachverfolgen lässt sich das u.a. in seinem Twitterfeed: einmal bittet er die Anwohner des Tahrir-Platzes darum, ihr WLAN ohne Passwort zugänglich zu machen — das würde der Revolution helfen. Auch der Roman zeigt sich stellenweise als durch Bildsprache komponiert, wobei die Sprache gegenüber der durch sie dargestellten Bilder stets im Vordergrund bleibt. Ein gewisses filmisches Element aber, gerade in der Intensität der Szenen, bleibt Hamilton im positiven Sinne erhalten.

Das im Roman verhandelte Scheitern ist ein Scheitern der dezentralisierten Macht des Internets. Schon im Titel ist das ausgedrückt, die Stadt als Stadt gewinnt immer — das aber ist der Sieg des realen über den virtuellen Raum. “I wish we had taken Maspero”: So heißt das Telekommunikationsgebäude Kairos, in dem der staatliche Rundfunk, das Fernsehen etc. untergebracht sind. Nach Mubaraks Abdankung, d.h. dem Abzug der Polizei und dem Ausrücken der Armee zur ‘Befriedung’ und Beruhigung der demonstrierenden Massen habe es ein kurzes Zeitfenster gegeben, so die Hauptfigur Khalil immer wieder, in dem Souveränität zum Greifen nahe auf der Straße lag. Aber dieser Augenblick — die Architektur Kairos wird zum Kairos der Revolution — wurde versäumt, Maspero nicht von Demonstranten gestürmt sondern sogleich wieder von der Armee in Besitz genommen und hermetisch abgeschirmt. Dieser taktische Fehler kostet, so die implizite Aussage des Romans, der Revolution ihr Leben: Denn im blinden Vertrauen auf die losgelöste (Kommunikations-)Macht des Internets vergaßen die Revolutionäre, wie tief die ideologischen Staatsapparate in der materiellen Infrastruktur der Stadt verankert sind. Der verzweifelte Kampf des Chaos Collective, Berichte, Fakten und dadurch (die) Wahrheit (der Geschichte) transparent zu verbreiten, geht zunehmend unter im staatlich verordneten Wirrwarr von Falschmeldungen und Propagandaberichten. 

Auch auf architektonischer Ebene spiegelt der Roman dieses Scheitern, die Multiperspektivität verschiedener Erzählstimmen zu Beginn, im “Tomorrow” überschriebenen Abschnitt, verengt sich immer weiter, bis im dritten Abschnitt: “Yesterday”, nach “Today” betitelt, nur noch der dumpf um sich und sein eigenes Versagen kreisende innere Monolog Khalils übrig bleibt. Hafez, ihr Photograph Filmdoktorand, der seinen Tod in einer klugen und dadurch brutalen Reflexion vorwegnimmt: diese Wirklichkeit habe längst die Möglichkeiten der Kunst überholt und sei in sich selbst zu dramatisch um dargestellt zu werden, wurde derweil erschossen und Mariam kümmert sich ausgebrannt maschinell als lebendige Tote um Angehörige und Verhaftete. Der Grenzenlosigkeit des Internets, in dem eine revolutionäre Subjektivität jenseits der beengenden Individualität aufscheint, setzt die real existierende Macht (der Stadt) eine klare Grenze und wirft die Revolutionäre auf ihr eigenes verkrüppeltes Subjektsein zurück. Das ist die Alternative, die der Roman zurecht zuspitzt: Tod, Kollaboration oder Verzweiflung. Der Materialität der Stadt korrespondiert die Materialität der Körper, in die sich die zu Beginn noch leicht losgelöste Erzählperspektive immer weiter hineinschraubt. Angelegt ist das natürlich schon zu Beginn, als Mariam bei der Leiche eines Jungen wartet; es endet mit den Reflexionen auf die vernichtende sexuelle Scham, die Khalil, denkend an Mariam als Körper, empfindet.

Dadurch leistet “The City Always Wins” Trauerarbeit, setzt der Geschichte der Sieger, die wirkmächtig im Name “Maspero” und dem damit verknüpften Motivteppich allegorisiert ist, eine andere entgegen. Die Geschichte der Sieger, d.h. die offizielle und von Propagandaseite forcierte Darstellung der revolutionären Geschehnisse, die bis heute andauert und dahin geht, die Erwähnung der Revolution von 2011 schon wieder aus staatlichen Schulbüchern zu streichen, ist stets präsent, Hamilton lässt sie durch collagierte reale Tweets, Schlagzeilen und Nachrichtenmeldungen nie aus den Augen geraten. Insbesondere in “Today”, dem mittleren Abschnitt, dominiert diese Barrage der Angst und Fassungslosigkeit, während unter diesem Schleier die Stadt in Anhänger der Islamisten (unter Morsi) und der Armee (unter Al-Sisi) gespalten und die begonnene Revolution, die schon immer daran krankte, sich unbewusst als loses Sammelbecken formiert zu haben, erstickt wird. 

Die sich häufenden und mit Hafez kulminierenden Todesfälle im Kreis des Chaos Collective, wenn sie doch von vornherein kognitiv feststehen, schockieren den Leser immer neu — mindestens ebenso, wie die viszeral, wenn nicht geschilderten, so doch fühlbar gemachten Vergewaltigungsszenen, als der Straßenmob von beiden Seiten erneut enthemmt wird und das Patriarchat zurückschlägt. Dass das Chaos Collective, als die Revolution schon längst gescheitert ist, nur noch reaktiv als mobile Eingreiftruppe fungiert, um bedrängte Frauen möglichst unverletzt aus Mengen wütender Männer zu befreien, zeigt eindrucksvoll das verlogene Gerede vom allein geltenden Hauptwiderspruch. Stattdessen wäre zu reflektieren, dass zwar sehr wohl ein (Un-)Wesen mit den verschiedenen Erscheinungen existiert, aber gerade eben nicht hinter, sondern in ihnen: dass es hier keine Hierarchie gibt oder geben kann. Auch Maspero ist im Roman nur eine Erscheinung, aber dennoch der neuralgische Punkt der Revolution und ihres Scheiterns. 

Dass diese sühnende aber nie versöhnende Romanarbeit nicht ins Pathetische abdriftet, liegt am spezifischen Gegenstand. Wo deutschsprachige Literatur seit Jahrzehnten mit postmoderner Ironie kämpft und die große Frage nur noch zu sein scheint, wie man denn nun wieder verbindliche Aussagen treffen könne, fallen diese Problematiken bei “The City Always Wins” einfach fort. Die wie ein Mahlstrom in die Tiefe ziehende Sprache Hamiltons, die zunehmend schizophrener wird, je weiter der Roman fortschreitet also peu à peu die Revolution abstirbt, leistet ihren Beitrag dazu und zeigt wieder einmal, dass Kunst oder in diesem Fall Sprache sich den geeigneten Gegenstand suchen muss, um wahr zu werden. Ein anderes Thema hätte nicht so be-/geschrieben werden können; die Angstträume, die Khalil heimsuchen wie die nie stattgefundene Einnahme von Maspero, nachdem die namenlose Ärztin in seinen Armen mit Schrotkugeln im Rücken verstarb, wären fürchterlich kitschig, wenn sie nicht im konkreten Augenblick dieser Prosa als furchtbare Wucht angemessen wären und den Leser erneut fassungslos zurückließen. 

Dass die Sprache Hamilton das ihre nicht versagt, wie der Hauptfigur reflektierend auf die gegen Frauen gerichtete Gewalt die eigene Libido, liegt vielleicht an der seltsamen Synthese von Geist und Geschlecht, die Sprache als Kunstform darstellt. All das Scheitern, das auf jeder Seite des Buchs überdeutlich herausbricht, sublimiert sich in literarischer Bearbeitung in ein Werk von trauriger Schönheit, die im wesentlichen aus melancholischer Wut in vollstem Bewusstsein ihrer eigenen Ohnmacht zu bestehen scheint. Schön ist diese Art der Trauer, insofern sie an Wahrheit als verpasster Augenblick reicht. Aber Schönheit ist seit jeher ein zwiespältiger Begriff. Besser, es hätte ihrer — in dieser Form — nicht bedurft, weil die Wirklichkeit ein wenig schöner geworden wäre.

Von Christian Lamp

Omar Robert Hamilton: „The City Always Wins“, Faber & Faber, 2017, 320 Seiten bzw. “Stadt der Rebellion”, Quartbuch/Klaus Wagenbach Verlag, 2018, 320 Seiten. Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek.

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