Eribon: Gesellschaft als Urteil

Er muss also auf seine Rückkehr zurückkommen. Die Entscheidung Didier Eribons, nach „Rückkehr nach Reims“ den Komplementärband „Gesellschaft als Urteil“ zu schreiben, gestaltete sich für ihn keineswegs als eine bewusst getroffene, sondern als Ruf der Notwendigkeit. Denn die Geschichte eines „Klassenflüchtigen“ findet ihr Ende gerade nicht dort, wo der Übergang vom Arbeitermilieu in die akademische Welt seiner intellektuellen Helden vollzogen ist. Dies würde schließlich ein gar zu säuberlich arrangiertes, mithin unrealistisches Bild einer lupenreinen Aufstiegserzählung abgeben, das den Blick für die realen Widerstände verschleiert hätte. Dagegen wird der mit der Veränderung einsetzende, subjektivierende Zwiespalt zwischen Überresten des Alten und Verheißungen des Neuen als eigentlicher Beginn allen Erzählens gesetzt.

Doch mit dem Akt des Sich-gegenständlich-Werdens ist es in einmaliger Absicht noch nicht getan. Als Anlass zur Reflexion konfrontierte ihn das Zurückkommen in seinen Heimatort nach dem Tod seines Vaters damals mit den Herrschaftsmechanismen einer akademischen Welt, die ihn zwar auf der Oberfläche in erweiterte intellektuelle und sexuelle Freiheitsräume entlassen hatte, deren Kehrseite jedoch die „Quasi-Knechtschaft“ der Angst eines Milieufremden bedeutete. So bestimmt in Eribons Erzählung durchgängig das gesellschaftliche Nicht-Sein das Bewusstsein. Eine Erfahrung, der die Zerrissenheit eines gespaltenen Habitus entspricht, in dem sich der soziale Wechsel gegenüber den Voraussetzungen der eigenen Identität in doppelt entfremdeter Weise zeitigt. Ehedem als Noch-Nicht-Sein, als Wunsch, sich endlich einem kulturellen Raum zugehörig zu fühlen, dessen Codes nicht mehr als Rätsel, sondern als Selbstverständlichkeit zu empfinden und danach trachtend, im Lichte eines vorausblickenden Existenzentwurfs als Intellektueller den Zwängen des Arbeitermilieus zu entkommen. Alsdann in der Form eines Immer-Noch-Seins, das trotz Durchlaufen der Bildungs- und Elitefabriken des Landes gewahr werden lässt, dass die Plätze auf den hohen Leiterstufen der sozialen Positionalität gerade für einen, dem man das „Klettern ansieht“, keine sicheren sind.

Die Preisgabe für den Aufstieg, deren Zahlung an den Kreis der Arrivierten er im sorgsamen Verschweigen seiner proletarisch geprägten Kindheit und Jugendjahre auf Dauer gestellt hatte, sollte in der öffentlichen Bloßlegung ein Ende finden, hinter das er nicht mehr zurückkommen sollte. „Gesellschaft als Urteil“ funktioniert nun als Anschlussreferenz in dem Sinne, dass eine Rückkehr niemals abschließbar zu erfahren ist, ein Ende nur als Auftakt geltend gemacht werden kann.
Denn nur kurze Zeit nach der Publikmachung der Schilderungen eines Überläufers schien ihm das darin konturierte Selbstzeugnis einen unvollständigen, sogar trügerischen Charakter zu tragen. Geradezu illusorisch gerierte sich nun die Annahme, man könne die Prägungen des Herkunftsmilieus über ein Bekenntnis dieser Art hinter sich lassen oder die eigene Komplizenschaft mit den herrschenden Machtmechanismen, innerhalb derer man sich nun bewegte, leugnen. Zu stark bindet die soziale Trägheit der Verhältnisse den Einzelnen an seine Vergangenheit und die sozial determinierten Lebensschicksale, die konträr zu hegemonialen Leistungsnarrativen nur in geringem Umfang durch das individuelle Zutun der Einzelnen beeinflusst werden können. Während sich sein erstes autobiographische Werk also noch mit den Möglichkeiten beschäftigte, die eigene Scham in sexueller wie sozialer Hinsicht durch erzählerische Offenbarung überwinden zu können, verhandelt das Nachfolgewerk die ernüchternde Unmöglichkeit der restlosen Einlösung eines solchen Anspruchs.

Wie einfach es ist, nicht auf der Höhe der eigenen Erkenntnis zu leben, zeigt Eribon an einer eingangs dargelegten Szene der Coverauswahl für „Rückkehr nach Reims“, in der er nach Drängen seiner Lektorin, für die Taschenbuchausgabe doch ein Kindheitsfoto von sich zu verwenden, schließlich nachgibt. Trotzdem schafft er es nicht, das ausgewählte Foto unbearbeitet abzugeben. Vorsorglich schneidet er seinen Vater und damit auch die Bindung zum Herkunftsmilieu vom Bildrand weg. Er, der schreibend eine schamlos betriebene Selbstentblößung vorgelegt hatte, um auf die normierende Gewalt der sozialen Scham aufmerksam zu machen, scheiterte nun an der Lächerlichkeit eines veröffentlichten Fotos. Schlagartig wird ihm vor Augen geführt, dass die bloße Bewusstwerdung zwar den Grundstein für Veränderung legt, jedoch lange nicht die sedimentierten Rückstände vergangener, aber doch wirkmächtiger Dispositionen verschwinden lässt.
Wesentliches ist also noch ungesagt geblieben, weswegen für Eribon das Weiterführen des biographischen Zirkels einer Pflichterfüllung zum Wahr-Sprechen gleicht, indem die notwendigerweise selektive Vergegenwärtigung des eigenen Lebens nach herrschaftskritischen Grundintentionen neu arrangiert wird. Er setzt sich dabei einer weiteren Reflexionsanstrengung in Form einer soziologisch informierten Selbstbeobachtung aus, um das thematisierte Selbst als Strukturgeburt der ungleichen Verhältnisse in immer neu ansetzenden Rückkehrschleifen für die objektivierende Distanznahme freigelegt zu wissen.
Wie andere Soziologen vor ihm begegnet er dem Genre der Autobiographie mit der nötigen fachimmanenten Skepsis. Wiederholt weist er darauf hin, dass es sich bei seinem Versuch um eine „soziologische Introspektion“ handelt, ein Format, das die zentrale Stellung des Individuums nicht als Ausgangs-, sondern nur als Kreuzungspunkt sozialer Mechanismen aufweisen möchte. Derart bleibt er der Bourdieuschen Reflexivitätsanforderung verpflichtet, die Soziologie als Mittel zur Denunziation aller „Hochstapeleien der narzisstischen Ichbezogenheit“ in Stellung zu bringen.

„Gesellschaft als Urteil“ speist sich weniger aus den teils schmerzhaft genauen Beobachtungen eines ewig Deplatzierten, die das Vorgängerwerk spezifisch auszeichneten. Die Darstellung hochkultureller Konventionen gelang ihm dereinst gerade deshalb so treffsicher, da ihm die Gepflogenheiten des neuen Milieus im Gegensatz zu deren „Eingeborenen“ nicht schon lange in Fleisch und Blut übergegangen waren. Im Gegensatz zu denen, die den Jargon kultureller Überlegenheit so selbstverständlich und damit auch unreflektiert im Munde führten, tätigte Eribon keine Aussage, die nicht in habitueller Anpassungsarbeit einstudiert worden wäre und so als präzise Beschreibungen seiner neuen Lebenswelt Eingang in die Erinnerungen seiner Selbstwerdung fanden.
Stattdessen geht es um die Genese der Bewusstwerdung der Herrschaftsmechanismen sozialer Gesetze, die jedem und jeder schon weit vor seiner/ihrer Geburt einen Platz und damit auch ein nahezu vorbestimmtes Schicksal im sozialen Raum zuweisen. Für Eribon schärfte sich sein Blick für den Determinismus sozialer Grenzziehungen durch die eigene Leseerfahrung, die er im Großteil des Buches nacherlebt und einer kritischen Relektüre unterzieht. Als Maßstab nutzt er dabei den an sich selbst gerichteten Vorwurf, nicht den eigenen Ansprüchen einer emanzipatorischen Soziologie Genüge zu tun und diesen Umstand fälschlicherweise nicht einmal mehr zu reflektieren. Derart verfährt er mit seinem langjährigen Lehrer und Gesprächspartner Pierre Bourdieu, aber auch mit der Riege marxistischer Kulturtheoretiker von Richard Hoggart bis Raymond Williams, denen er trotz ihrer ungemein wichtigen Stellung im linken Diskurs die Eindimensionalität ihrer Herrschaftsanalyse in einer verengten Perspektive auf Klassenidentität vorhält. Das Anprangern seiner „Haupt- und Nebengötter“ und das beständige Aufdecken eines jeden ihrer blinden Flecke nimmt dabei einen großen Anteil des Buchs in Anspruch, weswegen man sich streckenweise nicht ganz des Eindrucks erwehren kann, dass Eribon es etwas zu ernst meint mit der Frage, ob es sich schreiben lasse, ohne zu täuschen.

Im letzten Teil des Buchs betrachtet Eribon das Thema der inneren Spaltung verstärkt aus einer zeitlichen Perspektive. Kapitelüberschriften wie „Hontoanalyse“, „Das Ich und seine Schatten“, oder „Bedingungen des Erinnerns“ weisen bereits auf das zentrales Motiv einer Gegenwärtigkeit hin, welche niemals für sich steht, sondern die „natürliche Verlängerung des Gewesenen“ bildet. Das ganze Buch ist durchzogen von der „Geisterpräsenz“ des Vergangenen. Es ist die Familie, die Erfahrungen als „scared gay kid“ oder eine immer schon wirksame „List des Determinismus“, die ihn heimsuchen und den radikalen Neuanfang als ein Anderer auf ewig verhindern. Er zitiert Paul Nizan, der sich ebenfalls mit der unausweichlichen Bürde einer Geschichte auseinandersetzt, die nicht von einem selbst geschrieben wurde: „Was für ein Kreuz, nicht allein zu sein!“. Das Schreiben über das Selbst und damit immer auch über dessen soziale Genese ist Eribons Art, Berufung gegen das gesellschaftliche Verdikt einzulegen.

In gewisser Weise deutet er so die Schwere der Vergangenheit auf den Schultern der Gegenwärtigen in ein emanzipatorisches Moment um, indem sich seine Geschichte als Teil einer Gedächtniskultur manifestiert, die in Arbeiterfamilien nur partiell in flüchtiger Überlieferung gepflegt wird. Er plädiert dagegen für eine gefestigte Erinnerungspolitik, in der die Verschriftlichung klassenspezifischer Erfahrungen nicht nur der herrschenden Klasse vorbehalten bleibt. Das Gedächtnis der Unterdrückten würde sich so aus dem kollektiven Schweigen lösen und als aufständisches Wissen in den Kampf um eine gerechtere Gesellschaft eingehen können. Seine Geschichte ist kein Zurück zu einem alten Ich, das wäre ein nicht realisierbares Unterfangen. Es ist die Wiederaneignung eines verlorenen Teils, der nicht primär der Vervollständigung einer Genealogie der Innerlichkeit, sondern der allgemeinen Erneuerung einer Politik der Widerständigen zuteil werden soll.

Von: Angelika Schwarz

Didier Eribon: „Gesellschaft als Urteil – Klassen, Identitäten, Wege“, Suhrkamp, 2017, 320 Seiten. Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn.

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