Agopian: Handbuch der Zeiten

Herta Müller hat in ihrem autobiographischen Essay “Der König verneigt sich und tötet” die Situation der Schriftsteller und Widerständler unter der Diktatur Ceaușescus beschrieben. Der zentrale Begriff ist der der Sprache: als Sprachgewalt, die im labyrinthischen Sprachwitz der Widerständler Lebensgier und Todesfurcht zusammenbindet und so der Diktatur die Stirn bietet, zugleich aber auch als Werkzeug der Spione, jene zu überführen und im Verhör zu zermürben. Und in ihr lauert stets schon die reale Gewalt. In einer Diktatur spricht niemand ungestraft.

Müller schreibt: “Jeder tat was dazu, es kam zu diesen aus dem Stegreif gemachten Märchen, ein Mosaik aus sporadischen Bildern, Übertrumpfung und Selbstübertrumpfung, spontane Poesieübungen in der Gruppe, sarkastisch, was das Zeug hielt, um die Angst, die wir alle hatten, zu zähmen. Die Dynamik entstand, weil jeder das vorher Gesagte ein Stück weiter ins Absurde treiben mußte. So ein Produkt begann brav … So beginnen alle Märchen im Rumänischen.”

So beginnt auch Agopians Handbuch der Zeiten. Die wilde Phantastik kennzeichnet das Buch als barockes Märchen, die Verortung in der Zeit zwischen 1801 und 1808 als historischen Roman. Beides dürfte geholfen haben, ihn an der Zensur vorbei zu schmuggeln, ein postmodernes U-Boot. Deutlich genug eigentlich, was mit den die Türken verdrängenden Moskowitern gemeint ist, die das Land erobern.

Aber die poetische Sprache, die von Eva Ruth Wemme mit viel Gefühl in ihrem Changieren zwischen bildgeladener Dichte und dürrer Lakonie ins Deutsche übertragen wurde, verwirrt die Sinne. Dazu tragen auch die überall auftauchenden Fabelwesen bei, das Absurde bricht nicht erst in die Romanwelt herein sondern ist stets wie selbstverständlich schon da. Natürlich reflektiert das die manifest absurde Diktatur, wie sie auch Müller beschreibt. Nur der barocke Wahnwitz kann in seiner Selbstverständlichkeit die Verhältnisse adäquat ausdrücken. Was später postmodern genannt wurde, ist unter Ceaușescu notwendiges Mittel des Ausdrucks.

Die an die beiden Hauptfiguren, den Geografen und Lehrer Ioan Marin und den Armenier Zadic, geknüpfte Handlung ist selbst absurd genug. Letztlich reduziert sich diese Geschichte auf verzweifelte Don Quijoterie, unverknüpfte Erlebnisse auf der Reise zwischen Suff und vermutlichem Tod. Die innere Statik und Leere wird karikiert durch äußere Betriebsamkeit, durch die doch nichts bewegt wird.

Diese Absurdität wird Agopian zum Mittel der Kritik. Zwei Berichte eines Spions sind eingeflochten. Der erstellt einem namenlosen Fürsten eine “Liste derer, die sagten” — und da ist es auch egal, wie belanglos oder selbstwidersprüchlich die Klagen von Gott und der Welt sind. Wer klagt, präziser, wer überhaupt etwas sagt, das nicht in seinem unmittelbaren Gehalt aufgeht, ist ein Feind. Aber dieses Schwanken, will der Roman Agopians sagen, ist längst im Innersten der Diktatur selbst angekommen. Die Zeit ist aus den Fugen, und wie das Shakespearsche Stück die Krise der Souveränität durch das selbstreflektierende Individuum verhandelt, so taumelt der Roman zwischen den Jahreszahlen und lässt Figuren auf verschiedenen Zeitebenen gleichzeitig auftauchen, bisweilen mitten in einem Absatz. Der unzuverlässige Erzähler markiert bei Agopian die Krise jenes eigentlich allmächtigen Herrschers.

Auch die poetische Sprache ist lediglich ein Deckmantel dieser Hässlichkeit. Der Roman entfaltet sich sprachlich zwischen Lichtintensitäten. Er beginnt mit “goldenem, unendlichen Licht” und endet in verzweifelter Finsternis. Agopian allerdings nimmt hier analog zur sonstigen Konstruktion des Romans eine Inversion vor: Licht macht unbarmherzig sichtbar und ist stets mit dem Wunsch und Willen der Figuren, zu handeln und zu sprechen, verknüpft. Das scheinbar goldene Licht entpuppt sich als Scheinwerferkegel der Schergen des Regimes. Entsprechend wachsen bisweilen Ohren aus den Wänden oder seltsame Wesen verwandeln sich — um die Funktionalisierung der Körper nochmals zu unterstreichen — in die gerade geforderten Körperteile.

Schweigen gibt es in dem Roman deshalb nicht. Figuren reden, oder sind tot — und noch nicht einmal das hält sie, wie den Offizier mit gespaltenem Schädel, vom Reden ab. Mit dem Lichtzwang geht für Agopian ein Sprechzwang einher. Unter der Diktatur opponierte dem nur Dunkelheit und Schweigen. In der Schlussszene bemerkt Zadic: “Ey, dass du’s weißt, wir sind tot, wenn uns all das geschieht und wir es nicht wissen.” Und Ioan schwingt sich angesichts dieser Machtlosigkeit zum furchtsamen Engel auf, diese Welt zumindest in Finsternis zu hüllen. Ein einziger Ausweg im Roman ist des Geografen Sehnsuchtsland Engliterra: Hort der Vernunft und Sitz einer wissenschaftlichen Akademie — und wie das fabelhafte Albion stets in Nebel gehüllt. Dieses Zwielicht (dem der Roman selbst als Dokument widerständiger Sprache zu entsprechen versucht) wäre die Rettung. Doch das Papier ist nach gerade einmal 97 Seiten zu Ende, auf die Agopian seine sprachliche Akrobatik hier zusammengestrichen hat. Und der Ausweg im Licht der diktatorischen Unvernunft versperrt.

Von Christian Lamp

Ştefan Agopian: “Handbuch der Zeiten”, Verbrecher Verlag, 2018, 128 Seiten. Aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme.

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