Nizon: Sehblitz

Man muss Walter Benjamins Gedanken über “Die Armut” kennen, das Schiff, das aufbricht von den Küsten des Humanismus ins Land der Menschenfresserei — auf ihm: Scheerbart und Ringelnatz, Loos und Klee, Brecht und S. Friedländer —, um Nizons Werk einzuordnen. Man muss einmal, schreibt Benjamin, Scheerbarts kristallenes Esperanto erfahren haben, um zu ermessen, wie viel Ornament noch in der deutschen Sprache steckt. Der blindeste Passagier auf dem Schiff Die Armut? Karl Kraus, der Schnitter in klirrender Eisenrüstung, der auferstanden mit dem blanken Säbel in den Blätterwald fahren wird: “und Stilblüten werden den Boden decken.” 

Paul Nizon, der Sprachbegeisterte, Liebhaber der lebendigen Sprache über allem, steht mit seinem 1963 erschienenen, wahrem Erstling “Canto” mehr noch als Grass für diese wiedergefundene überbordende deutsche Sprache. Canto ist das Buch, das Peter Suhrkamp dazu bewog, Nizon unter seine Fittiche zu nehmen, und somit auch der Grund, dass heute mit “Sehblitz. Almanach der modernen Kunst” eine repräsentative Auswahl Nizons Kunstkritiken aus vier Jahrzehnten erscheint. Der Titel ist einem Text zu Vincent van Gogh entnommen, über den Nizon als Kunsthistoriker promoviert wurde.

Mit Canto beginnt der wahre Nizon, zuvor war er Kunstkritiker. Insofern bezeichnet er rückblickend diese Texte, im Vorwort von 2017, als “Kunstübungen”: als literarische Ausdrucksversuche ohne eigenes literarisches Material. Dieser Selbstbeschreibung nachgehend soll im Folgenden ein wenig der spezifischen Sprache Nizons und der Beziehungen dieser Kunstübungen zu seinem literarischen Werk nachgespürt werden. Denn Nizon meint, schon in den 50er Jahren, “nur mit literarischen Mitteln” die ihn “erregenden künstlerischen Vorgänge in Sprache … fassen” zu können. Aus dieser betroffenen Subjektivität rührt die funkensprühende Sprache Nizons. Wieso er über diese und nicht jene Kunst schreibt? “Weil sie mich zuinnerst anging.” Dasselbe könnte er über seine literarischen Werke sagen. Und hat es wohl auch so oder anders getan.

Seine Sprachliebe entspringt der Liebe zum Sujet, wie schon der Eingangstext zu Goya deutlich macht. Diese ist ihm zuletzt unbegründbar. Liebe steht konträr zur Objektivität, der doch die Sprache verpflichtet bleibt. Auch Canto steht mit seiner flirrend verwirrenden Sprache, die bis in die Syntax hinein zersprengt ist, für eine radikal subjektive Sichtweise. Genauer hingehorcht, ist diese Sprache aber um eine Leerstelle zentriert. Nizon empfindet sich als entfremdetes Subjekt. Sein Schreiben, das sich und die Sprache selbst zelebriert, will das radikale Scheitern ausdrücken, die Gegenstände zu fassen zu bekommen. Seine Sprachschöpferei ist Schöpferei aus der Erkenntnis, die wirkliche Welt nie beschreiben zu können. Darin mit objektivem Anspruch. Den einen, absolut wahren Satz, wie ihn Hemingway beschwört, kennt Nizon nicht.

Viel zurückgeschraubter allerdings ist diese Sprache in den vorliegenden Kunstkritiken. Dreifach gegliedert, jeweils chronologisch angeordnet, mit biographischem Nachwort und Verzeichnis versehen, gibt der Band einen soliden Überblick in die (Kunst)Werkstatt Nizons. Fachjargon ist selten, Nizon wurde journalistisch geschult. Seine Kunstkritik ist wesentlich für die Zeitung entstanden. Neben diesem externen Zwang steht hinter seiner Sprache ein interner: Der “Mythos des Lebens”, wie er 1966 zu Picasso schreibt. Leben ist, komplementär zur Liebe, der zentrale Begriff im Schaffen Nizons. Er versteht sein Werk als Existential. 

Über den Umweg des Bildhauers Leoncillo Leonardi liefert Nizon 1965 schon ein frühes Selbstporträt: “Es gilt, aus einem Unbekannten, aus etwas, das sichtbar nicht vorliegt, etwas zu erhaschen, zu erkennen, aufzustellen — mit künstlerischen Mitteln überhaupt erst sichtbar zu machen. Ausgangspunkt ist nicht mehr das Abbildbare. Ausgangspunkt sind Erfahrungen ungreifbarer Natur, unwägbare existenzielle Empfindungen.” Auch Nizons Texte enthalten “Quanten nackten Lebensgefühls”, auch er beginnt “seine Empfindungen in ein stummes Material zu stottern”, das lässt sich an Canto und ebenso in “Das Jahr der Liebe” nachzeichnen. 

Aber die Sprache ist kein stummes Material. Nizons Liebe, existentialistisch gewendet, bleibt einseitig. All der beschworene Schmerz über den Verlust der Welt hinter der Sprache kann nicht recht überzeugen. Nizons Liebe bezwingt ihn, bezwingt alles. Zuletzt drückt er doch nur seine erotisierte Subjektivität aus. Gegen solchen Vorwurf des Subjektivismus will Nizon Leonardi und damit sich selbst verteidigen: “Die Eruoption ist nur ein erster Akt, der das Formmotiv, das sich anschlagende Thema zu erkennen gestattet; danach richtet sich die anschließende eigentliche Arbeit, die der Objektivierung, Verdichtung und Läuterung dient.” Das ist alles richtig beobachtet. Dennoch drängt sich der Gedanke auf, dass das selbstreferenzielle Kreisen um sich selbst und seine Sprache an der Objektivität und damit der Welt vorbeischrammt. 

Stellenweise klingt Nizon wie Thomas Bernhard, nur ohne den Hass. Doch dieser Hass, oder jedenfalls die indifferente Destruktivität, wie Benjamin hervorhebt, scheint wahrer zu sein. Was bei Nizon fehlt, mag man daran ermessen, wie sehr Karl Kraus aus Liebe zur Sprache gegen die Sprache anging, um sie wieder wahr werden zu lassen. Kraus wird lieber aus sprachlicher Liebe zum Unmenschen. Die produktive Möglichkeit solcher Negativität hat Nizon längst fahren gelassen. Als Existential gerinnt ihm das gespürte und geliebte Leben zum einzigen Maßstab. Nizon ist Mensch, immer nur Mensch, und die blühende Sprache als lebendig-menschliche hat das letzte Wort.

Das mag man vielleicht noch als “Mitleid mit der Kreatur” zu retten versuchen. Als funkelnden Sprachblitz, der nicht negativ sondern positiv durch schöpferische Sprache Entfremdung sprachlich — wett macht? Umbiegt. Fluchtwege aufzeigt. Aber Sprache ist eben nicht beliebig formbarer Ton. Ihr Eigengewicht droht, Nizon auf den Boden zurückzuziehen, den sprachlich erfassen zu können er doch als Ausgangspunkt seines Schreibens verneint. 

Als “sinnlich, anschaulich, meisterhaft” beschreibt der Klappentext die Kunstkritiken. Sie sind lehrreich, eingängig und zutreffend. Aber wie sehr diese Kunstkritiken, die selbstverständlich hinter Canto und Das Jahr der Liebe zurückfallen müssen, auf halbem Weg stehengeblieben sind, zeigt sich ausgerechnet an Nizons Text über van Gogh. Denn wer auf diese Art mit Sprache arbeiten und kreatürliches Leben ausdrücken will, muss sich an Antonin Artaud messen lassen. Und an dessen wahnsinnigem Schrei “Van Gogh, der Selbstmörder durch die Gesellschaft” vergeht wohl Nizon, der Schriftsteller. 

Von Christian Lamp

Paul Nizon: “Sehblitz. Almanach der modernen Kunst”, Suhrkamp Verlag, 2018, 302 Seiten.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s