Iliazd: Philosophia

„Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt…“ (Paul Celan, Corona)

Dieses Buch handelt von toten Steinen. Ins Auge fällt der Titel: “Philosophia”, das ist griechisch für Philosophie, also philo-sophia, Liebe zur Weisheit. Das Buch von Iliazd aber spielt sich weitgehend in Konstantinopel ab, die Stadt, in der er 1920/1921 auf dem Weg von Tiflis nach Paris ein Jahr verbrachte. Konstantinopel, das ist die Hagia Sophia. Und Iliazd, das Pseudonym zusammengesetzt wie der Titel aus seinem Namen Ilya Zdanevič, das ist der georgische Dadaist, der den russischen Futurismus begründete. 

Mit der Ankunft in Paris und dem letzten Theaterstück, “Ledentu le phare”, wendet sich Iliazd vom Dadaismus und seiner erfundenen Unsinnssprache des Za-um ab. Es folgen zwei Romane (Verzückung und Philosophia) und Gedichtbände, Kunstbände und Mode für Chanel. Philosophia ist 1930 begonnen und in der Schublade versteckt, überliefert als Romanfragment mit einigen fehlenden Seiten. Ein autobiographischer Rückblick aus zehnjährigem Abstand auf den Weg von Georgien nach Paris.

Das heißt für Iliazd: Den Weg vom Dadaismus zum Kleinbürgertum, wie Régis Gayraud im Nachwort, das man als Vorwort lesen sollte, schreibt. Die realistische Erzählstruktur spiegelt die Lebenssituation des mittlerweile arrivierten und für Chanel arbeitenden Dichters wieder. Ein allwissender Erzähler beherrscht in Iliazds Buch die Hauptfiguren: Iliazd, Alemdar und Salomon. Die Sprache ist zu konventionell, die flüssige Übersetzung von Regine Kühn kann das auch nicht beheben. Letztes Überbleibsel der dadaistischen Unsinnsbegeisterung sind die permanenten Namenswechsel. Iliazd bleibt (sich) weitestgehend gleich, Alemdar endet als Blauerblau und Salomon wird zu Suwarow. 

Damit sind schon die zwei wesentlichen Achsen der Handlung angesprochen. Der Türke Alemdar, der aus kriegsversehrtem Hass auf die Russen eigenartig russophil wird, tendiert zu einem russischen Namen; ebenso wie Salomon, der biblische Weise. Zentriert sind die sich abwechselnden Figurenkonstellationen um das stabile Zentrum von Iliazd. Nur ist der alles andere als stabil, lässt sich von den fantastischen Geschehnissen und Intrigen anstecken und mittragen. Bis zum Messias bringt er es, bevor ihm in seinem Wahn alles über dem Kopf zusammenbricht. 

Der episodenhafte Roman hat etwas von einem Agententhriller, Hinweise auf reale Orte und Zeiten verankern das Ränkespiel der verschiedenen Parteien in Konstantinopel als Kreuzpunkt von Ost und West, bzw. für Iliazd Nord und Süd. Hier treffen sich die alten und die durch den Weltkrieg hervorgebrachten neuen Mächte: von den Sowjets vertriebene Weißgardisten, die islamischen und die kemalistischen Türken, Bolschewiken und Träumer. Das letzte Wort im Roman hat Jaja, ein Verrückter.

Konstantinopel, präziser: die Hagia Sophia, ist die wahre Protagonistin des Romans. Er verhandelt das religiöse Wetteifern der Nord- und Südmächte, d.h. Christen und Muslime, um dieses Symbol: Wird Stambul wieder zu Zargrad, der zaristischen Stadt mit einem Kreuz auf der Hagia Sophia? Aber diese alte Welt, der Kampf von Alemdar und Salomon, ist schon vergangen. Stattdessen wetteifern Blauerblau und Suwarow um die Macht: Bolschewiken und — Reaktionäre? Jedenfalls Vor-zeitige in Iliazds Roman. Denn über Konstantinopel weht der Sowjetwind, der Sturm des Fortschritts, von dem 1930 noch nicht absehbar war, ob er abflauen würde. Gayraud lässt in seinem Nachwort Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Schlusses anklingen. Aber das geht auf mangelndes Verständnis zurück.

Die Bolschewiken geben sich am Schluss als Philosophen zu erkennen, das ist die Pointe des Romans. Iliazd, zerrissen zwischen Dichter und Messias, gibt einen Gegenpol dazu ab. Seine Apathie ist der Ruhepol. Seine Liebe gilt den toten Steinen und Träumen von einer mythischen tausendfachen Republik statt den Imperien hüben wie drüben. Anstatt zu handeln vermisst er verfallene Kirchen und kümmert sich um Untergegangenes. Statt in die Zukunft blickt er in die Vergangenheit. Iliazd ist ein Sammler. Ihn interessieren die Bauwerke und ihre ihnen eigentümliche Kraft jenseits von religiösen oder säkularen Symboliken. 

Philosophia, als die andere philo-sophia: die dichterische Liebe zur Hagia Sophia, ist der Widerpart zur bolschewistisch konnotierten Philosophie. Kunst steht zwischen Religion und Philosophie als Bewahrerin des Vergangenen und vielleicht Hoffnung auf die Utopie. Wie zweifelhaft die geworden ist, zeigt sich am sehr wohl ernstgemeinten Schluss. Die bolschewistischen Philosophen rüsten sich zum Sturm auf die Stadt, die Türken haben die Hagia Sophia vermint. Aber auch das gehört zum bolschewistischen Plan. Aus den Trümmern der Vergangenheit wollen sie das neue rote Weltreich errichten. Der Rückweg nach Konstantinopel wird in der einzigen surrealistischen Passage zur an Plinius den Jüngeren gemahnenden Geburt einer neuen Stadt. Es wird gesprochen von der Errichtung des neuen lateinischen Imperiums — unter roter Fahne.

Unter Iliazds Augen vergeht Konstantinopel, aus nun Petersburg/Zargrad wird Leningrad. Die Aura des Vergangenen, Philosophia, verschwindet unter dem mitleidslosen Blick der aufklärerischen Philosophie, die sich gerade in die Wirklichkeit aufzuheben versucht. Derart ist dieser Roman eine Elegie auf die sich zerreibende Kunst. Iliazd resigniert schlussendlich: “Konstantinopel ist tot.” Aber die rote Fahne der Bolschewiken, unter der sie sich zum Sturm auf Konstantinopel rüsten, ist himbeerrot. Am Ende will die Kunst die Deutungshoheit behalten. 

Sie soll sich in den Unsinn flüchten: der Verrückte behält ja das letzte Wort. Er kommt Iliazd holen wie der Tod. Der Liebhaber toter Steine, der an ihnen aus Abscheu gegen das zerstörerische Treiben die Hoffnung auf eine andere Menschheit ablesen möchte, verstummt. Von Dada zu Chanel: Das ist Iliazds kunstsolidarische, vorweggenommene Antwort auf den entbrennenden Realismusstreit in der Literatur. Ende der 1930er nimmt er seine typographische Arbeit wieder auf und gibt bibliophile Kunstbände heraus, die livres de peintre, illustriert von Picasso, Ernst, Haussmann, Miró… Er tritt zurück hinter den Autoren, Zaungästen der Geschichte wie Wilhelm Tempel, De Boussière, Marie Laurie oder die Malerfreunde seiner Jugend, Ledentu und Pirosmanachvili. Iliazd verleiht ihnen seine Stimme, mise en lumière par Iliazd, und diese treibt typographische Blüten.

Von Christian Lamp

Iliazd: “Philosophia”, Matthes & Seitz, 2017, 384 Seiten. Aus dem Russischen von Regine Kühn.

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