Santner: On Creaturely Life. Rilke, Benjamin, Sebald

Die Kreatur, der Souverän, der Nächste. Über Eric L. Santners On Creaturely Life. Rilke, Benjamin, Sebald

Under the chimney
Im Vorwort zu seinem Buch Die Beschreibung des Unglücks. Zur österreichischen Literatur von Stifter bis Handke (1) schreibt W.G. Sebald: „Melancholie, das Überdenken des sich vollziehenden Unglücks, hat aber mit Todessehnsucht nichts gemein. Sie ist eine Form des Widerstands. […] Wenn sie, starren Blicks, noch einmal nachrechnet, wie es nur so hat kommen können, dann zeigt es sich, daß die Motorik der Trostlosigkeit und diejenige der Erkenntnis identische Exekutiven sind. Die Beschreibung des Unglücks schließt in sich die Möglichkeit zu seiner Überwindung ein.“ (2)

Dass diese programmatische Aussage nicht allein den Leitfaden für Sebalds anschließende Lektüren anderer Autoren abgibt, sondern auch ins Zentrum seines eigenen literarischen Projekts führt, liegt auf der Hand. Ob man nun, um nur zwei Beispiele zu nennen, seinen Roman Austerlitz oder den Erzählband Die Ausgewanderten aufschlägt, stets wird man jenes Syndrom aus Beschreibung, Melancholie, Unglück und Widerstand am Werk finden. Sebalds Prosa kartographiert gleichsam, mit Fredric Jameson gesprochen, das ‚politische Unbewusste’ eines Geschichtsprozesses im Zeichen von Schmerz, Zerfall, Destruktion und integraler Gewalt.

Nirgendwo findet dies vielleicht schlagenderen Ausdruck als in der Erzählung „Max Aurach“, aus dem Band Die Ausgewanderten, in welcher der Erzähler von seinen Begegnungen mit dem gleichnamigen Künstler im Manchester der Nachkriegszeit berichtet. Aurachs manische Bildproduktion, die eher Staub, Asche und Schutt als Werke hervorbringt, kreist in „erstarrter Unruhe“ (Walter Benjamin) um die Darstellung der Judenvernichtung bzw. um deren Undarstellbarkeit. An einer Stelle erwähnt der Erzähler folgende Aussage Aurachs: „I am here, as they used to say, to serve under the chimney.“ (3) – Auf atemberaubende und riskante Weise teleskopiert dieser Satz die Katastrophe des 20. Jahrhunderts und die Frühgeschichte des Kapitalismus, fungiert der Name Manchester doch als Metonymie einer Gesellschaftsformation, in der, nach dem Wort von Marx und Engels, alles Stehende verdampft. Die Öfen von Auschwitz und die Industrieschlote Manchesters treten so zur unheilvollen Konstellation zusammen. Mehr noch: sie sehen sich eingestellt in ein quasi natur- bzw. urgeschichtliches Dispositiv eines immer schon lodernden Weltenbrandes.

Freilich sieht sich der bohrende saturnische Blick auf die Geschichte dadurch der Gefahr einer ihm eigentümlichen Blindheit ausgesetzt. Mystifiziert und enthistorisiert man nicht die faschistischen Gewaltexzesse, indem man sie gleichsam zum vorerst letzten Produkt und Ausdruck eines von weit her kommenden Verhängnisses erklärt? Andererseits sollte man den kritischen Einsatz dieser narrativen Konstruktion durch einen solchen Vorbehalt nicht für obsolet erklären. Ihr langer historischer Atem deutet an, dass man das Jüngstvergangene nicht auch nur im Ansatz zu denken vermag, sofern man sich weigert, von ihm ausgehend eine umfassende Archäologie des Zivilisationsprozesses zu entwerfen.

Ein neuer Archivar – und zwei ältere
Es sind derartige Untersuchungsfelder, von denen aus (und um die herum) der Literaturwissenschaftler Eric L. Santner in seiner Studie On Creaturely Life. Rilke, Benjamin, Sebald seine Sebald-Lektüren organisiert. Dabei weist bereits der Untertitel darauf hin, dass von Sebald zu sprechen für Santner heißt, von vielen anderen gleichzeitig zu sprechen. In On Creaturely Life markiert Sebald den privilegierten Knotenpunkt einer ‚Dreierbande’, deren literarischen und theoretischen ‚Wahlverwandtschaften’ Santner nachgeht, wobei er die drei Namen wiederum in ein überdeterminiertes Netzwerk vieler weiterer Namen und der mit ihnen verknüpften Diskurse einschreibt – u.v.a. Marx, Balzac, Nietzsche, Kafka, Freud, Rosenzweig, Scholem, Heidegger, Lacan, Agamben. Man kann so bereits erahnen, wie stark Santners Analysen vom Darstellungsmodus einer konstellativen Lektüre und den daraus sich ergebenden Kopplungen, Montagen und Juxtapositionen geprägt sind. Für eine kurze Besprechung seiner Studie erwächst daraus das Problem, etwas auf Thesen abzuziehen, was seine interpretativen Gehalte immer auch der Darstellung verdankt – den in der Regel erhellenden Sprüngen zwischen den Texten und Diskursen, mögen diese gelegentlich, darin besteht das grundlegende Risiko einer derartigen Verfahrensweise, zu nicht immer gänzlich gelungenen Sprunghaftigkeiten führen. Alle hier notwendigen Verkürzungen in Rechnung gestellt, lässt sich anhand des Verhältnisses dreier ‚Begriffspersonen’ der Einsatz von Santners Studie umrisshaft erläutern. Es sind dies die Kreatur, der Souverän und der Nächste.
Sebalds Prosa nennt Santner im Vorwort seines Buches „an archive of creaturely life“ (xiii) und erklärt Sebald damit selbst zum neuesten Archivar entstellter Existenzweisen, zu deren paradigmatischen Figurationen nach Santner etwa auch Rilkes ‚Fortgeworfene’ aus Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge oder Shakespeares Caliban zählen – Figuren der Exklusion bzw. der permanenten Heimsuchung durch ‚große Andere’. Ausgehend von Rilkes Vers „Mit allen Augen sieht die Kreatur / das Offene”, gilt Santners Interesse im ersten Kapitel des Buches einer genaueren Bestimmung des Konzepts „creaturely life“, das er an einer Stelle folgendermaßen definiert: „What I am calling creaturely life […] is the life that has been delivered over to the space of the sovereign’s ‚ecstasy-belonging’, or what we might simply call ‚souvereign jouissance.’“ (15) Das Verhältnis von Kreatur und Souverän ist ein haltloses, wobei an dem Zitat offensichtlich wird, dass Santers ‚biopolitisches’ Doppel sich als eine Art kohärente Verformung von Giorgio Agambens Homo sacer-Projekt zu erkennen gibt, insofern er es durch den Rückgriff auf lacanianische Motive triebdynamisch supplementiert. Dazu gehört u.a. auch, die Figur und den symbolischen Ort des Souveräns an späterer Stelle durch eine Kopplung mit Freuds Ausführungen zum mythischen Urvater zu erläutern (vgl. 69-75). Zudem zieht Santner im ersten Kapitel Benjamins Reflexionen zum Barock als einer Welt der permanenten Katastrophe, des Ausnahmezustands, der rasenden Souveräne, der desorientierenden Affektstürme und allegorischen Chiffrenschriften, kurz: der Naturgeschichte heran, um dem Begriff ‚creaturely life‘ zusätzlich Profil zu verleihen. Wichtig ist hier festzuhalten, dass für Santner die kreatürliche Existenzweise keineswegs mit einem natürlichen oder animalischen Leben identifiziert werden darf; sie gilt ihm vielmehr als Effekt geschichtlicher Gewaltverhältnisse. Sie ist hyperanimiertes, untotes Leben im Zeichen gesellschaftlicher Destabilisierung, die wiederum durch politische, juridische und ökonomische Setzungsgewalten, vermeintliche Agenturen sozialer Kohäsion, hervorgerufen wird.
Mit dem eingangs zitierten Sebald-Diktum zum Zusammenhang von Melancholie, Beschreibung des Unglücks und Widerstand eröffnet Santner das zweite Kapitel („The Vicissitudes of Melancholy“) seiner Studie und erörtert darin genauer, wie sich die Form literarisch-diskursiven Widerstands bei Rilke, Benjamin und Sebald konkret fassen lässt. Man kann die Richtung seiner Antwort pointiert so bestimmen: Sie leisten Widerstand, indem sie literarische und theoretische Texte produzieren, die radikal und ohne Reserve die Abgründe des ‚creaturely life‘ darstellen. Santner schlägt dabei zwei prägnante Formeln vor, mit denen er die Erzählweisen und -einsätze in u.a. Rilkes Malte, Sebalds Austerlitz sowie Benjamins Ausführungen zum Ethos des kritisch-materialistischen Historikers zu charakterisieren unternimmt: Zum einen spricht er von „poetics of exposure“ (49), zum anderen von „spectral materialism“ (52). Beide Formeln zielen auf die Charakteristik einer melancholischen ‚Grundstimmung’ und Erkenntnishaltung ab, in der es darum geht, die Geschichte als die Schädelstätte, die sie ist, zur schockierenden Darstellung zu bringen; nicht zuletzt, um, in den Worten Benjamins, den mythischen Zyklus, den Wiederholungszwang von rechtssetzender und rechtserhaltender Gewalt durch kritische Reflexion zu unterbrechen bzw. ihn zu ent-setzen.
Die bis hierhin gewonnenen Einsichten macht Santner in den letzten beiden Kapiteln („Toward a Natural History of the Present“; „On the Sexual Lives of Creatures and Other Matters“) für Lektüren fruchtbar, die sich intensiver noch als zuvor den Werken Sebalds widmen; neben den bereits genannten gilt seine Aufmerksamkeit insbesondere den Schriften Die Ringe des Saturn und Schwindel. Gefühle. Eine Menge Aufschlussreiches erfährt man in diesen Kapiteln über Sebalds Passion, ja Obsession für ‚allegorische Gegenständlichkeiten’ wie Staub, Asche, Knochen, Totenschädel und Kadaver, über die Sebald Geschichte als Vergängnis und Verhängnis verhandelt; über „undead wanderers“ (115) wie den ‚fliegenden Holländer’, den ‚ewigen Juden’ oder Kafkas ‚Jäger Gracchus’, die bei Sebald als Urbilder des gewaltsam deterritorialiserten Lebens figurieren; dann über den ‚biopolitischen’ gender trouble der Figuren Sebalds, die prekären Subjektivierungen zwischen Homo- und Heterosexualität im Zeichen von Paranoia und Wiederholungszwang. Schließlich gibt Santner via Barthes’ Begriffspaar punctum und studium wichtige Hinweise, um den Gehalt der bei Sebald durchgängig zu findenden Bild-Text-Montagen aufzuschließen, den er im Vorwort bereits pointiert so bestimmt: „what is at issue in the interplay of image and text in these writings is the task of bearing witness to what exceeds our hermeneutic grasp of historical experience.“ (xx)

„Was bleibet aber…“
Die Rede von ‚bearing witness’ eröffnet zum Schluss die Gelegenheit, noch einige Sätze zur dritten der oben genannten ‚Begriffspersonen’ zu sagen: dem Nächsten. Die Figur des Nächsten supplementiert in Santners Lektüre bei Rilke, Benjamin und Sebald nämlich das Doppel von Kreatur und Souverän. Sie markiert gleichsam den literarisch-ethisch-politischen Überschuss, die messianische Spur inmitten heilloser Zeitläufe. Lässt sich, wie oben dargestellt, bereits die melancholisch fundierte ‚poetics of exposure’ nach Santner als Gestus des Widerstands lesen, fügt ihm zufolge die literarische Gastlichkeit gegenüber dem Nächsten ein weiteres Moment hinzu: „melancholic immersion in creaturely life and ethicopolitical intervention into that very dimension; the saturnine gaze and the awakening to the answerability to the neighbor, to acts of neighbor-love.“ (91) Indem sie sich zu Stätten und Medien derangierter Stimmen und Existenzen machen, indem sie Zeugnis ablegen von fragmentierten Lebensläufen und die Toten wiederkehren lassen, Reste und Bruchstücke verschwindender Singularitäten versammeln, ohne sie aufzuheben, arbeiten für Santner die von ihm untersuchten Texte an einer Verwandlung der Kreatur in den Nächsten, gegenüber dem man sich unendlich verantwortlich zu erweisen hat. Die spezifisch literarische Affizierbarkeit, die Santner bei seinen Autoren in den Vordergrund rückt, markiert so nicht zuletzt den Übergang von Literatur in eine Historiographie schwacher messianischer Kräfte und eine radikale Ethik der Alterität. Das meint auch eine Sensibilität für Zufälle, überraschende Aufeinandertreffen und kontingente Glückslagen, in denen sich Spielräume des (Un-)Möglichen auftun (vgl. 135-141). Erzählen, was immer noch zu erzählen bleibt – so könnte man mit Santner die genuine Aufgabe von Literatur bestimmen.

Abschließend ist festzustellen, dass Santner mit On Creaturely Life ein bedeutendes, theoretisch versiertes und intellektuell anspruchsvolles Stück kritischer Literatur- und Kulturwissenschaft vorgelegt hat. Die Bezüge, die er zwischen seinen Gewährsleuten aufweist, und die Fragestellungen, die er bei ihnen und über sie hinaus freilegt, sind an den meisten Stellen überaus erhellend und weitreichend. Leser und Leserinnen Rilkes, Benjamins und Sebalds dürften durch Santner nicht allein über diese Autoren belehrt werden, darüber hinaus erhalten sie klare und mitunter brillante Erläuterungen in Sachen rezenter Theoriebildung. Dass man sich dabei manche von Santner angerissene diskursive Konstellation ausführlicher dargelegt wünschte und stattdessen auf den einen oder anderen argumentativen Schlenker verzichten würde, wird man gewiss sagen können. Auch wünschte man sich im Hinblick auf Sebald an manchen Stellen einen genaueren Blick auf die narrativen Verfahren, mittels derer er seine ‚poetics of exposure’ ins Werk setzt. Doch schrammen derlei Vorbehalte beinahe schon an einer Haltung vorbei, aus der heraus man demjenigen, der viel gemacht hat, vorwirft, nicht noch mehr gemacht zu haben. Die obigen Ausführungen, eher affirmativer Nachvollzug von Santners Argumentation als Kritik im engeren Sinn, zielten jedenfalls vor allem darauf ab, für Santners Studie das geltend zu machen, was nach I.A. Richards einen hervorragenden Text generell auszeichnet: On Creaturely Life ist ‚a machine to think with’.

Von Lars Bullmann

Eric L. Santner: On Creaturely Life. Rilke, Benjamin, Sebald. University of Chicago Press, 2006, 219 Seiten

(zuerst veröffentlicht: kon. Magazin für Literatur & Kultur, Nr. 2: Verfall, Herbst/Winter 2015; https://www.kon-paper.com/2-verfall)

(1) W.G. Sebald, Die Beschreibung des Unglücks. Zur österreichischen Literatur von Stifter bis Handke, Frankfurt a. M. (Fischer) 2006, S. 12.
(2) W.G. Sebald, „Max Aurach“, in: ders., Die Ausgewanderten. Vier lange Erzählungen, Frankfurt a. M. (Fischer) 2003, S. 217-355, hier: 287.
(3) Eric L. Santner, On Creaturely Life. Rilke, Benjamin, Sebald, Chicago/ London (University of Chicago Press) 2006. Zitate aus dem Buch werden unmittelbar im Text unter Angabe der Seitenzahl nachgewiesen.

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