Nooteboom: Mönchsauge

Das Auge des Mönchs ist ein eigentümlich solitäres Auge: “zusammen/ und immer allein, auf ewig”. Zusammen mit der eigenen Erinnerung, in Gesellschaft nur noch von Toten allein. Nootebooms aktueller Gedichtband ist ein Alterswerk. In ihm wirft er einen fragenden Blick auf sich selbst und seine Vergangenheit — aber gerade diese Ebenen wollen die Gedichte auflösen, sie suchen nach einer “Zeit ohne Zeiger”. Dazu dient ihm die Kunst als wässriger Spiegel, Anamnese der Genese, in dem ihm sein gewordenes Ich in all seiner Vergangenheit begegnen kann.

Entstanden sind sie auf zwei Inseln, wie Nooteboom im kurzen Nachwort berichtet, Schiermonnikoog, die Insel der grauen Mönche, und Menorca. Matthias Weischer hat diese beiden Inseln besucht und seine malerischen Beigaben, die aber mehr als nettes Beiwerk denn als selbständige Durchdringung des Stoffs angesehen werden müssen, daraus gezogen. Deren dröge Perspektive eines während der Wattwanderung aufscheinenden Erhabenen hat jedenfalls wenig mit Nootebooms Buch zu tun. 33 formal identische Gedichte beinhaltet der Band, schlicht nummeriert. Die jeweils ersten und letzten drei verorten sich deutlich in Raum und Zeit auf diesen beiden Inseln, dazwischen überblendet die Erinnerung die realen Orte und löst sie auf in eine idealtypische Insel, Urbild aller Utopie. 

Am Anfang des Bandes, der als eine Art literarisches Vermächtnis seine eigene Poetologie mitliefert, steht eine dem Phaidros entnommene Frage, nach Nooteboom das “Wesen aller Poesie”: “woher denn und wohin?” Wohin, das weiß er nicht zu beantworten. Das woher allerdings ist klar: aus der Erinnerung des Dichters. Sokrates und Phaidros im Dialog, ebenso Valéry und da Vinci, die Gedichte in Mönchsauge beschwören die Kunst als Kommunikationsform über die Zeit hinweg. Der Mensch sei „Sternenstaub, Pulver zu Fleisch, das/ Worte gebraucht und vernichtet“, immer schon da, nichts als sich ausbreitende Kreise im Wasser. Sentimentale Reminiszenzen, wie diese an Proust oder die pathetische vom Sternenstaub sind allerdings glücklicherweise selten. 

Stattdessen sind die Gedichte in einer angenehm unprätentiösen Sprache gehalten. Wie auf seiner Mönchsinsel dominieren in diesem Band Wind und Meer, während die Figuren zwischen Licht und Schatten wandern, “sie wandern zum Wort,/ das verschwimmt.” Nootebooms Sprache gleitet demnach hinfort, ließe sich eher dem sanften Schwappen am Strand als den Wogen des Meeres vergleichen. Sie ist aufgespannt zwischen Wort und Klang; die Toten sprechen “eine Sprache, die ich nicht spreche, nur höre”, “ihre Worte/ fliegen vorbei wie Klänge und verschwinden”. Sonderlich neu ist das alles natürlich nicht. Mehr Insistenz auf dem treffenden Wort, das nicht so unbedingt vom Klang müsste geschieden werden, hätte einigen Zeilen vielleicht gut getan.

So oder so geben die poetologischen Reflexionen Einblick in dieses Dichters Werkstatt, sollen sein Schreiben erklären. Sie sind gebündelt im achten Gedicht, das programmatisch das eigene Scheitern anspricht: “Versuche es, nur noch Worte, kein Gefühl”. Aber selbstreferenzielle Sprachspiele sind nicht Nootebooms Sache. Alle diese Verse sind durchwirkt von Gefühlen, die Erinnerungen sind niemals, mögen sie noch so lakonisch vorgetragen sein, indifferent. Unter dem kühlen Windhauch dieser zurückgenommenen Sprache ist Schmerz fühlbar: “nimm mich mit, nimm mich mit,/ aber wohin?” 

Statt leerer Gedanken und Formen arbeitet Nootebooms Lyrik also mit Erfahrungen, die sich hier, am Ende des Weges, meist nur noch als die Realität überblendende Erinnerung anbieten. Er verschwimmt zwischen “dem Echten des Strauches, dem Traum des Steins”, als ihm seine erste Geliebte wieder-erscheint. Am stärksten sind denn auch diejenigen Zeilen Nootebooms, die sich an Konkretes heften und sich von allzu selbsterklärerischen Spielereien fernhalten. Was er über die Unmittelbarkeit schreibt, kennzeichnet die besten dieser Gedichte, die sich zu ihrem Objekt der Erfahrung in etwa so verhalten: “Berührung, die Hand auf der Haut,/ das nahe Gefühl,/ das kein Weiter erträgt.” 

Dass es ihn dennoch immer weiter treibt, kann man ihm kaum zum Vorwurf machen. Sonst ruhte die Kunst erfüllt bei sich selbst, und das widerspräche dem getriebenen “Wohin?”, das Nooteboom der Kunst voranstellt. Ihre Unmittelbarkeit ist Schein, und der verspricht sich in diesem Band durch das Verwehen der Verse, die Erinnerung tragen.

Von Christian Lamp

Cees Nooteboom: “Mönchsauge”, Zweisprachige Ausgabe mit Bildern von Matthias Weischer, Suhrkamp, 2018, 128 Seiten. Aus dem Niederländischen von Ard Posthuma.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s