Wiazemsky: Paris, Mai ’68

“There is never any ending to Paris and the memory of each person who has lived in it differs from that of any other”, schreibt Hemingway am Schluss seiner autobiographischen Erinnerungen “A Moveable Feast”. Anne Wiazemskys “Paris, Mai ’68″ (im französischen Original als “Un an après” 2015 bei Gallimard verlegt) ist ein kleiner Erinnerungsroman, der eine solche spezifische Perspektive auf die Stadt an der Seine wirft. Im Jubiläumsjahr 2018, inmitten all der sentimentalischen, cholerischen oder gelehrigen Bücher über die Studentenrevolten, ist dieses unscheinbare schmale Büchlein nicht die schlechteste Wahl.

Vierzig Jahre liegen zwischen dem Paris Hemingways und Wiazemskys. Es sind Erinnerungen aus einer anderen Zeit. Statt F. Scott Fitzgerald, Gertrude Stein, Picasso und Miró ist Wiazemskys Paris vom Film eingenommen: Cournot, Truffaut, Bertolucci, Deleuze. Und natürlich Jean-Luc Godard, mit dem die zur Zeit des Romans Einundzwanzigjährige verheiratet war. Neben ihm sind die zwei zentralen anderen Figuren Michèle Rosier und deren Mann Jean-Pierre Bamberger, die zusammen das Ski-Mode Label “V de V” betrieben. Wiazemsky ist die Enkelin des Literaturnobelpreisträgers Francois Mauriac, Rosier die Tochter von Hélène Lazareff, Gründerin der Zeitschrift Elle. Es ist nicht nur eine andere Zeit, sondern auch ein anderer Zirkel. 

Das Ehepaar Godard/Wiazemsky ist kurz zuvor in eine Wohnung im Quartier Latin gezogen. Als die Proteste ausbrechen, sind sie mittendrin. Aber es geht nicht nur um den privilegierten Blick Wiazemskys an der Seite Godards, mit dem sie am Schluss der Erzählung ihr Buch und sein Ende rechtfertigt. Natürlich sind die Anekdoten reizvoll: wie sie mit Paul McCartney unter dem Tisch Tee trank, während Godard und John Lennon sich anschrien. Oder der stattdessen gebuchte Dreh mit den Rolling Stones. Oder die Rückfahrt nach Paris mit Deleuze, der sich die Fingernägel absurd langwachsen ließ und über den es schlicht heißt: “Nur Deleuze hatte unverstellt gute Laune.” 

Vielleicht die schönste dieser Anekdoten deutet an, worum es vor allem geht: den Konflikt von (radikaler) Kunst und dem, was die Studenten Revolution nannten. Godards Filme zeigten ihnen den Weg, sagen sowohl Garrel als auch Bertolucci im Film. Autorenkino ist reaktionär, sagen viele der revoltierenden Studenten. Godard kämpft den Roman über mit Gewissensbissen, sagt sich permanent vom Film los, entfremdet sich von Cournot und Truffaut, beleidigt Bertolucci bei einem Essen in Rom, nur um sich doch wieder mit ihm zu versöhnen. Godard glaubt daran, sich “in den Dienst zu stellen”, in den Dienst der Sache der Studenten nämlich. Wiazemsky nicht. Trotz aller kollektivistischer Eskapaden Godards bleibt aber seine Liebe zum Film, denn wahrlich berührt ist er lediglich von einer privaten Vorführung Philippe Garrel’s “Marie pour mémoire”. Und das wäre tatsächlich ein Grund, sich vom Film loszusagen: Nicht die maoistischen Politpropagandafilme, sondern der Anblick eines neuen Meisterwerks. Dass er es dann nicht tat und weiterhin Filme drehte, gibt Wiazemskys Einschätzung im Nachhinein recht.

Mag Dany Cohn-Bendit, wie sie berichtet, ihr auch den Hof gemacht haben, die meisten Studenten, mit denen Godard sich zu umgeben beginnt, erscheinen ihr lediglich als ungewaschene Wüstlinge mit fettigen Haaren. Stattdessen kauft sie sich im Spielzeugwarenladen Rollschuhe und saust mit ihnen durch das belagerte Studentenviertel. Diese Szene ist emblematisch. Sie soll den Widerspruch zwischen kunstliebender Fröhlichkeit und verstockter Ernsthaftigkeit, die sowohl die alten Erwachsenen als auch die politischen Studenten verbindet, markieren. Ihr Blick ist präzise und hat nichts von sentimentaler Kindheit. Eine wahre Befreiung, will dieses Büchlein sagen, gäbe es nur über die Freisetzung der in aller großen Kunst enthaltenen Schönheit, die für Wiazemsky stets die Liebe miteinschließt. 

Traurig genug, diese Perspektive bewahrheitet zu sehen. Die Revolte der 68er stellte sich, zumal in Deutschland, als allzu konformistisch heraus. War sie auch in Paris von einem anderen Kaliber, so flößen die maoistischen Parolen noch heute ein wenig Furcht ein, die Selbsterniedrigung im roten Kollektiv antizipiert vieles, aber wohl kaum eine befreite Gesellschaft. Unaufgelöst bleibt die Frage, ob der Weg dahin durch diese Parteidisziplin führen müsse. Wiazemsky legt eine andere Antwort nahe. Die Erzählerin enttarnt über solche Naivität die verblendete Selbstgerechtigkeit der studentischen Umstürzler. Der radikale Student “Jean-Jock” lässt sich schließlich von ihr zum fröhlichen Unsinn bekehren.

Und auch den Leser zieht sie auf ihre Seite. Gegen Godards Griesgram scheint ihre Freude an der südfranzösischen Sonne Recht zu behalten, als sie mit Rosier und Bambam in der Villa der Lazareffs die Pariser Ereignisse abwarten. Im Kopf bleibt, neben den Eklats, die Godard permanent verursachte, vor allem dieser Eindruck einer Pariser Klasse, die in ihrem savoir vivre vielleicht der Revolution näher kommt als die aufgepeitschten Studenten: “Es war noch zu früh, um wieder auf unsere Zimmer zu gehen, und wir hatten alle Lust, im Salon zu sitzen und zu lesen. Ich las erneut eines meiner Lieblingsbücher, Jules und Jim, Rosier einen englischen, noch nicht ins Französische übersetzten Roman, Bambam den Briefwechsel Flauberts und Jean-Luc Das Gastmahl von Platon.” 

Natürlich ist das auch keine Lösung. Aber Wiazemskys Buch ist eine Erzählung und keine Anleitung. Darin bleibt sie ihrem damals kindlichen Selbst treu. Und dieses Gefühl südfranzösischer Freizügigkeit und geistlicher Weite kann auch einer neuen Generation kaum schaden. 

Von Christian Lamp

Anne Wiazemsky: “Paris, Mai ’68”, Verlag Klaus Wagenbach (Salto), 2018, 168 Seiten. Aus dem Französischen von Jan Rhein.

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