Cole: Vertraute Dinge, fremde Dinge

Ein Essay ist ein Versuch, sagt Montaigne. Für ihn bezeichnen die Essais ein bohrendes Umkreisen der eigenen Subjektivität, das Schreiben als Ethik, Vorbereitung auf das gute Sterben. Montaigne begründet eine spezifische Tradition (französischer) Stilistik, die glänzend und taktvoll zwischen Essay und Aphorismus pendelt. Eine andere Sorte Versuche sind nun bei Suhrkamp in dem Band “Vertraute Dinge, fremde Dinge” erschienen, der Beiträge von Teju Cole aus acht Jahren—geschrieben 2008-2016—versammelt. 2016 im Original und schon gebunden bei Hanser in Deutschland verlegt, liefert Suhrkamp nun die Taschenbuchausgabe für den späten Sommerurlaub nach. Cole, dem deutschen Publikum wohl eher als Autor des erfolgreichen Romans “Open City” bekannt, schreibt eben auch für das amerikanische Feuilleton: “Wenn ich schreiben könnte, was immer ich wollte, was würde ich dann schreiben? Ich befinde mich in der überaus glücklichen Lage, genau dazu Gelegenheit bekommen zu haben.” 

So gesehen ist der Band eine durch das Prisma Teju Cole—geboren 1975, aufgewachsen in Nigeria, als Jugendlicher nach Amerika eingewandert—gefilterte Bestandsaufnahme der Gegenwart. Das ist keineswegs eine verkürzende reductio ad auctorem, sondern Ausdruck des Funktionsprinzips. Teju Cole wird dafür bezahlt, seiner besonderen Subjektivität anlässlich gewisser Begebenheiten zum Ausdruck zu verhelfen, die er sich zumeist auch noch selbst auswählen kann. Gerade das unterscheidet ihn von Montaigne, Pascal, La Rochefoucauld u.A. Denn sein Fokus liegt weniger auf der Selbstreflexion denn Reflexion der Gesellschaft durch sein Selbst. Das Personalpronomen “Ich” dominiert die Texte, schon Open City war in der Ich-Form verfasst. Gefährlich wird diese Kombination aus Freiheit und Sicherheit für den Autoren, wenn sie zu Willkür oder Behäbigkeit in der eigenen Meinung führt.

Die Colesche Essayisten-Subjektivität hat ihre Besonderheit in der Doppelperspektive, sie ist amerikanisch/nigerianisch zugleich, gefiltert durch einen hochkulturellen Kanon, der Coles Belesenheit und guten Geschmack bezeugt. Diese historischen und kulturellen Ankerpunkte helfen ihm, sowohl Willkür als auch Behäbigkeit zu vermeiden. Im Gegenzug zu James Baldwin, dessen Vermächtnis er sich im ersten Essay “Schwarzer Körper” nähert, blickt Cole nicht mehr nur von Außen auf einen ausbeuterischen Kunstkanon der ihm verschlossen bleibt. Er zitiert Bach, Bishop, Benjamin und Keats, ohne mit der Wimper zu zucken. Dass sich dennoch viele Essays um schwarze Körper, schwarze Haut und schwarze Bilder drehen, scheint mehr mit der Gesellschaft als mit Cole zu tun zu haben: von ihr zum Schwarzen gemacht, darin ganz nah an Baldwins “Everybody’s Protest Novel”. 

Wobei damit nicht ein inneres Weißsein Coles gemeint sein soll, seine zahlreichen Ruminationen über afrikanische Kunst, Kultur und Tradition beweisen Stolz auf diese Abkunft. Mit Gewinn liest man ihn über Nigeria schreiben, über seine Dichterkollegen und die politischen Probleme des Landes. Mit zu den besten dieser eher politischen Essays gehören diejenigen wie “Der weiße rettungsindustrielle Komplex”, in denen Cole mitleidslos die amerikanischen Gewissheiten aus seiner spezifischen Perspektive seziert und hinterfragt, ohne jedoch in drögen Kulturrelativismus abzugleiten. Stets beweist seine Analyse ein Gespür für unhinterfragte Annahmen und Schwachstellen, nie kann er es sich gemütlich machen. Bei aller Pathetik über den Wahlsieg Obamas kommen ihm in “Umschreiben” anlässlich der jubelnden Mengen die Nürnberger Reichsparteitage in den Sinn. 

Diese paranoide Ader zeichnet die Essays aus. Weitestgehend sind sie in einer lakonischen, vielleicht zu gefälligen Sprache geschrieben, von Uda Strätling getreu glanzlos ins Deutsche übertragen. Die Abkunft der Essays als feuilletonistische Auftragsarbeiten scheint hier durch, stilistisch bleibt er nah an “Open City”. Stellenweise plaudert Cole einfach nur oder hängt persönlichen Eindrücken nach, die schnell mit dem Anspruch der “Epiphanie” ins übermäßig Pathetische abgleiten. Der Ahnenreihe, in die Cole sich zitierend stellt, wird er so nicht immer gerecht. Eine größere Strenge, im Argumentativen oder im Stilistischen, findet sich in zwei anderen Essaybänden, zwischen denen man Coles Sammlung verorten könnte: “This Young Monster”, eine extrem subjektive Studie quer durch Hoch- und Populärkultur von Charlie Fox, und “Against Everything” von Mark Greif.

Insbesondere die Lektüre von Greif—Gründer der Zeitschrift n+1—ist ein erhellender Vergleich. Schon im Titel zeigt sich der verschobene Anspruch. Seine Essays sind länger und argumentativer.  Sie zielen auf gesellschaftskritische Verbindlichkeit. Gleichzeitig lassen sie den Leser in ihrer Spröde der Argumentationsführung leicht unbefriedigt zurück. Das Subjekt tritt über weite Strecken nur als Registrierapparat auf. Cole ist durch seine Bildung vielleicht im Montaigneschen Sinne zu essayistisch dafür. Er ist kein Analytiker und kein Kulturkritiker sondern zuvorderst Schriftsteller. Er hat mehr zu zeigen als zu sagen, häufig gelingen ihm die besten Texte über andere Kunstwerke. Das Unverbindliche seiner Herangehensweise trägt, wo es nicht in Einverständnis abgleitet, weiter als die Beschränktheit des reinen Arguments. 

Gleichwohl ist das die größte Gefahr bei Cole: je persönlicher er wird, desto näher kommt er ihr. Marxistisch gesprochen bleibt die Sphäre der Produktion ihm versperrt. Wo er sie doch berührt, neigt er zu Klischees und Reduktionen, die seinem analytischen Blick eigentlich Unrecht tun. Und so zirkuliert seine plätschernde Sprache stellenweise an der Oberfläche gesellschaftlicher Formationen, ohne sie entscheidend aufzuhellen. Aber auch das ist Teil des Programms, die Subjektivität in die Splitter der zahlreichen Essays aufzusprengen—ein individuelles Panoptikum des 21. Jahrhunderts.  Vertraute und fremde Dinge: für Teju Cole, die Welt gesehen durch seine Augen. Teju Coles Essays sind derart mannigfache Einladungen, selbst noch einmal nachzudenken. Vielleicht ist dieser Essayband die ideale Strandlektüre für das linksliberale Publikum, von dem Cole sehr genau weiß, dass es ihn liest,und deren Quälgeist er zurecht—wie in “Anstatt zu denken”—sein möchte. Als solche ist seine Stimme zum Mindesten unterhaltsam, auch wenn man am Ende nicht immer mit ihm übereinstimmt.

Von Christian Lamp

Teju Cole: “Vertraute Dinge, Fremde Dinge. Essays”, Suhrkamp, 2018, 416 Seiten. Aus dem Englischen von Uda Strätling.

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