Bormuth: Max Weber. Wissenschaft als Beruf. Eine Debatte

Es mag zu einer der beliebtesten Aufgabenstellungen im Erstkontakt mit sozial- und geisteswissenschaftlicher Klassikerlektüre avanciert sein, die Frage aufzuwerfen, was denn nun ein derart in die Jahre gekommener Text noch für die Beschreibung gegenwärtiger Verhältnisse anbieten könne. Diese pädagogische Preisfrage erübrigt sich jedoch im vorliegenden Fall ziemlich rasch. Kurz nach dem 100. Jubiläum von Max Webers Rede „Wissenschaft als Beruf“ hat sich der Verlag Matthes & Seitz um eine Neuauflage in der Reihe „Fröhliche Wissenschaft“ bemüht. Die von Weber verhandelten Themenkomplexe, die einst am 07. November 1917 auf Einladung des Freistudentischen Bundes in München zur Sprache kamen, knüpfen dabei eine nahtlose Relevanzkette zwischen gegenwärtigen Problemkonstellationen und dem damaligen historischen Entstehungskontext, ohne dabei über die jeweils besondere gesellschaftliche Gemengelage hinwegzutäuschen.

Dem Herausgeber Matthias Bormuth ist dabei ein äußerst interessanter editorischer Wurf gelungen, dem es gelingt, der Debatte um „Wissenschaft als Beruf“ trotz des Überangebots an Sezierungsversuchen und Interpretationsschleifen eine spezifische Note hinzuzufügen. Es geht in diesem Band weniger um eine umfassende Rekonstruktion der Argumente im Kontext der Wissenschaftskrise, die in Reaktion auf Webers Rede und ihre posthume Veröffentlichung 1922 in aller Schärfe ausgefochten wurden. Dies wurde bereits an anderer Stelle geleistet (vgl. Massimilla 2008). Vielmehr wurden sechs teils höchst individuell orientierte Zeitzeugnisse nebst biographischer Portraits um die Rede herum gruppiert, deren Verfasser alle ein mehr oder weniger enges Verhältnis zu Max Weber pflegten und auf dieser Grundlage seine Rolle als intellektueller Bezugs- und Abstoßungspunkt in ihren Texten reflektieren. Die Wahl ist schließlich auf Helmuth Plessner, Ernst Robert Curtius, Karl Jaspers, Siegfried Kracauer, Karl Löwith und Georg Lukács gefallen, die ideologisch zwar höchst unterschiedliche Positionen vertreten, denen jedoch geeint die „Frage nach dem Sinn der Geschichte nicht nur ein theoretisches Problem war, sondern ebenso zu einem existentiellen Ereignis wurde“ (S. 34). Gerahmt wird die Auseinandersetzung durch eine Einführung von Matthias Bormuth, der dabei vor allem den Einfluss Nietzsches in Webers Werk herausstellt, sowie einem Interview mit Dieter Henrich, der seinen akademischen Werdegang mit einer Dissertation zu Webers Wissenschafts- und Wertlehre begann.

Es bedarf keiner detaillierten Wiederholung der Argumentationsstruktur von „Wissenschaft als Beruf“, aber es sei doch auf den Umstand verwiesen, dass es sich um eine Rede vor Publikum handelte, denen eine bestimmte Erwartungshaltung zu eigen war. Der Freistudentische Bund hatte Max Weber eingeladen, um von diesem etwas über die Stellung des wissenschaftlichen Berufs in der modernen Welt zu erfahren und daraus möglicherweise geistiges Führungspotential in einer von Sinndefiziten heimgesuchten Zeit zu schöpfen. Weber begegnet diesem Bedürfnis mit einer ausgefeilten Desillusionierungstaktik, indem sich die Hörerschaft mit der Erkenntnishärte einer Wirklichkeitswissenschaft konfrontiert sah, die der lebensfüllenden Sinnsuche im Feld der Wissenschaften eine klare Absage erteilte. Über die Explikation der äußeren, materiellen Bedingungen des Wissenschaftsbetriebs sowie der erforderlichen inneren Disposition führte er den angehenden Wissenschaftlern vor Augen, dass mit diesem Berufswunsch vor allem eine große Ernüchterung einhergeht, der es sich zu stellen gilt, wenn man trotz aller offensichtlichen Widrigkeiten sein Leben dem Gelehrtenberuf widmen möchte. Schließlich tritt man mit dieser Entscheidung in ein Feld ein, das vom König „Hazard“ regiert wird, in dem nicht unbedingt wissenschaftliche Qualitäten, sondern durchaus eine angepasste Mittelmäßigkeit dem beruflichen Erfolg zupass kommen. Zum alltäglichen, undurchsichtig verfahrenden Konkurrenzkampf um prekäre Stellen gesellt sich die ständige Überholung der eigenen wissenschaftlichen Ergebnisse, die es mit der Frage: „Warum betreibt man etwas, das in der Wirklichkeit nie zu Ende kommt und kommen kann?“ auf die Rückseite des Buches geschafft hat. Allenfalls die nötige Leidenschaft für die Sache, die Herausbildung einer inneren Antriebsstruktur des fachwissenschaftlichen Spezialistentums, kann die damit verbundenen körperlichen und seelischen Entbehrungen in anderen Lebensbereichen abmildern. Als Außenstehender mag es geradezu lächerlich anmuten, dass sich die Leidenschaft zur Wissenschaft gerade in dem Vorstellungsvermögen konkretisiert, „daß das Schicksal seiner Seele davon abhängt: ob er diese, gerade diese Konjektur an dieser Stelle dieser Handschrift richtig macht“ (S. 49). Für die inneren Berufe zur Wissenschaft gilt dieser Größenwahn der Kleinlichkeit, der sich mit keiner Formulierung als treffend zufrieden geben möchte, als notwendige Berufsbefähigung.

Dass intellektuelle Redlichkeit durchaus rauschhafte Empfindungen hervorrufen kann, bedeutet jedoch nicht, dass sich der Gesamtsinn des Lebens in wissenschaftlicher Spurenlese erschließt. Die Welt des modernen Menschen zerfällt in verschiedene Wertsphären, die keinen absoluten Referenzpunkt, keine gemeinsamen Sinnquellen mehr kennen. Doch wo in Reaktion auf den Verlust des Einen, das Not tut, die reflektierende Auseinandersetzung mit dieser Welt einer zum Scheitern erklärten Suche nach neuen Eindeutigkeiten anheimgestellt wird (Stichwort: „Gartenlaubenstil“), erscheint im Resultat ein befriedetes und beruhigendes, aber eben auch ein entstelltes Bild einer eigentlich dämonenhaften Realität. Denn nach der Todeserklärung des einen Gottes, sind es an seiner statt die vielen alten Götter, die ihren Gräbern entstiegen sind, um sich erneut zum ewigen Kampf um die Verabsolutierung der letzten Wertorientierungen unserer Lebensführung zu erheben. Es sind diese eindrücklichen Schilderungen Webers zum unheilvollen Erfahrungsgehalt jener Zeit, in der nicht nur die Gesellschaft, sondern auch ihre Götter atomisieren, die im Rückgriff auf theologisches Begriffsarsenal den größten Aushandlungsbedarf nach sich ziehen. Denn laut Weber kann die lediglich fragmentarisch erlebbare Gefühlsintensität wissenschaftlicher Provenienz dieser zum Prinzip aufsteigenden Haltlosigkeit keine Abhilfe verschaffen. Die Textsammlung lässt an einem Teilausschnitt jener intellektuellen Kontroverse teilhaben, die zu diesem Zeitpunkt nicht zum letzten Mal um die Frage kreisen wird, wie weit die Zugriffsmöglichkeiten der Wissenschaften reichen und in welchem Maße sie sich für die Setzung neuer Verbindlichkeiten einsetzen ließe.

Aufschlussreich ist die Lektüre jedoch gerade dort, wo sich die Problemlage noch in anderer Weise aufdrängt. Dahingehend eröffnet der Band ein Diskursnetz, das sich um die moderne Erscheinungsform eines Denkens spannt, welches sich nicht von religiös begründeten Ressourcen verabschieden kann, aber deren verloren gegangene Legitimierung auf eine potentielle Neuformulierung befragen muss. Darin wird die Ursprungsdomäne der Sakralität verschiedenen Umdeutungsbewegungen unterzogen, sodass Aufklärung und Mythos, Rationalisierung und Charisma, Wissenschaft und Religion nicht mehr auf die Abwesenheit ihres jeweiligen Opponenten zählen können. Man kann die Verfasser dabei beobachten, wie sie nach der gemeinschaftlichen Möglichkeit suchen, „jenes Etwas“ pulsieren zu lassen, „das dem entspricht, was früher als prophetisches Pneuma in stürmerischem Feuer durch die großen Gemeinden ging und sie zusammenschweißte“ (S. 92f.).

Die Textauswahl liest sich dabei unmerklich als Wiederbelebung des sonntäglichen Salons in Heidelberg, in dem die streitbare Gelehrtenrunde nicht nur über wahre und falsche Argumente diskutiert, sondern auch in ihren Reihen dieses Etwas ausfindig macht, das tatsächlich nur noch „innerhalb der kleinsten Gemeinschaftskreise, von Mensch zu Mensch, im pianissimo“ (S. 92) am Leben erhalten werden kann. Derart werden an einer Stelle neue Überbringer der frohen Botschaft ausgemacht („Wer sind die vier Evangelisten, fragte man damals: Marcus, Matthäus, Lukács und Bloch“, S. 100), an einer anderen der „Mohammed von Max Weber“ (S. 170) identifiziert, ganz zu schweigen von der allumfänglichen Verehrung Max Webers selbst. Bei aller ideologischen Haltungsdifferenz sind sich die Diskutanten in der Bewunderung seiner Person seltsam einig, was den großen Anteil an Charakterstudien bezüglich seiner intellektuellen Autorität erklärt. Die inhaltlich propagierte Nüchternheit seiner Rede schien auf scheinbar widersprüchliche Weise eine äußerst starke affektive Bindung bei ihren Rezipienten auszulösen, so als richteten sich die letzten Hoffnungen in der Schicksalsschwere der entzauberten Zeit auf seine Person. Weber erscheint darin als „Makroanthropos unserer Welt“ (S. 128), in dessen „weiter Seele das Schicksal der Zeit wirkte“ (S. 128), mal als „einer der mächtigsten deutschen Menschen“ (S. 140) – eigentlich schon an der Schwelle zum Übermenschlichen – sein „Wort wie eine Erlösung“ (S. 151). Ernst Robert Curtius kommt dergestalt nicht um die vorwurfsvolle Feststellung herum, dass sich jemand mit einer derart starken Persönlichkeit ausgerechnet als „Anwalt einer entpersönlichten Fachwissenschaft“ (S. 119) stilisieren musste.

Max Weber verweigerte sich jedoch der Vorstellung, dass diejenigen, die über das nötige charismatische Potential verfügen, dies in billiger Kathederprophetie zu Markte tragen, um naiven Optimismus in einer ausweglosen Situation zu schüren. Das „ernste Antlitz „ (S. 79) des Schicksals der Zeit verbittet es geradezu, aus der allzu leichten Verneblung wissenschaftlicher Verfahrensweisen durch die Überhöhung der eigenen Person Kapital zu schlagen. Für ihn mag die prophetische Besetzung seiner selbst lediglich als Symptom einer massiven gesellschaftlichen Entzugserscheinung plausibel sein, in der das Opium des Volkes noch nicht durch einen vergleichbaren Stoff substituiert werden konnte. Bar jeder Hoffnung auf die bevorstehende kollektive Versöhnung oder auf Heilsgüter von oben verbleibt als einzige Option, der „Forderung des Tages“ gerecht zu werden und den gesellschaftlichen Widersprüchen ihren Platz im Bewusstsein der Menschen zu sichern. In was für einer hellsichtigen Tragik die Risse im stahlharten Gehäuse zu Tage gefördert werden, vermag die von Matthias Bormuth verantwortete Neuauflage von „Wissenschaft als Beruf“ in all ihrer Kürze eindrücklich zu veranschaulichen. Für Max Weber wurde diese Spannung zur Antriebsquelle, wenn nicht gar zum Lebenselixier: „Der unversöhnliche Gegensatz war das Element seines Lebens, die grimmige Freude an der Widerlegung menschlicher Wünsche durch die Gewalt der von ihnen in die Welt gesetzten Tatsachen die Schwungkraft seines Denkens“ (S. 105).

Von Angelika Schwarz

Bormuth, Matthias (Hrsg.): „Max Weber. Wissenschaft als Beruf. Eine Debatte“, Reihe: Fröhliche Wissenschaft bei Matthes & Seitz, 2017, 188 Seiten

Zusätzlich: Massimilla, Edoardo: „Ansichten zu Weber. Wissenschaft, Leben und Werte in der Auseinandersetzung um Wissenschaft als Beruf“, Leipziger Universitätsverlag, 2008, 239 Seiten

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