Danyi: Der Kadaverräumer

Freud hat 1919/20 in seiner Studie „Jenseits des Lustprinzips“ versucht, die Trauma-Erfahrungen der Kriegsversehrten in das Schema der Psychoanalyse zu integrieren. Ihr neurotischer Wiederholungszwang, die (Granaten-)Schocks stets neu zu erinnern, zwingt ihn zur als metaphysisch verschrieenen Annahme des dem Lustprinzip entgegengesetzten Todestriebs. Damit sind die Motive versammelt, um sich einer Interpretation von Zoltán Danyis „Der Kadaverräumer“ zu nähern, der in ebenso neurotischem Stil die Traumata eines der ungarischen Minderheit Serbiens angehörenden Kriegsverbrechers/-versehrten (die Unentscheidbarkeit ist thematisch) als literarisch dargestellte Selbstanalyse ausagiert. Danyi zerlegt den Mythos vom starken, standhaften Mann.

Balkan also, Jugoslawien, Kosovo-Krieg, soweit bekannt. Ein weiterer Roman, der von den Kriegsversehrten handelt eines der letzten Kriege, die Europa nunmal zu bieten hatte, mit der ach so innovativen These, dass es mit der Humanität selbigen Europas etc. doch nicht so weit her sei. Danyis Kadaverräumer verweigert sich jedoch dem trägen Schauspiel des deutschen Literaturbetriebs, der ohne Ende solche Erinnerungsromane auf die Ladentische spült, schon allein dadurch, dass weder Figuren noch Narration ausreichend Identifikationspotential hergeben, um die entsprechenden – selbst zu analysierenden – Bedürfnisse des deutschen Publikums zu befriedigen.

Untypisch ist auch die Sprache, übersetzt von Terézia Mora, dieses Jahr mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet. Auf dem Umschlag abgedruckt findet sich ein durchaus für den Autor einstehendes Zitat: „Nicht die Geschichte hat mich interessiert, sondern der Hass, der Zorn, der Schmerz und wie man deren Feuer in Sätze verwandeln kann.“ Zwei Jahrzehnte hat es Danyi gekostet, einen solchen Stil zu finden; daran muss sich der Roman messen lassen. 

Ins Auge sticht das Textbild: keine Absätze, die kurzen nummerierten Kapitel der sieben Teile treten als geschlossene Textwand auf. Mehr noch die Sätze, die sich unweigerlich über die Seiten hinwegwälzen. Der Roman monologisiert ebenso wie die Hauptfigur, die immer reden muss, zwanghaft den Pfleger im Berliner Krankenhaus, der einfach geht, den Obdachlosen davor, der eh vor sich hindämmert, gnadenlos zutextet und überrollt, würden die nur zuhören. Unverdautes bricht hervor. Grenzposten schießen zum Spaß Tiere tot; „Säuberung der feindlichen Höfe“, fällt ihm im Theater ein, eine kroatische Frau, „über die sie zu siebt oder zu acht herfielen, das Schwein hat den längsten Orgasmus, davon redeten sie in der Szene, aber ihm ging nur im Kopf herum, wie das für die Frau gewesen sein musste, die von sieben oder acht Männern durchgepumpt wurde, … aber wenn diese Frau wenigstens einen kurzen, kleinen Orgasmus gehabt hätte, dann müssten sie vielleicht nicht hunderttausend Jahre lange Buße tun.“

Das sitzt, zumal in der ungarischen Gesellschaft, die sich immer schneller einem faschistischen Ideal des (männlichen) Heroismus zuwendet. Indem eben gerade keine Distanzebene in den Text gezogen ist, packen diese Sätze den Leser umso härter. Das stilistische Prinzip heißt Schock und funktioniert als Faust in den Magen. Der Schock aber hat immerhin seit Baudelaire literarischen Anspruch, wie gesagt geht es dem Roman um seine eigene Sprache. Die dreckige Faust will Literatur sein und darin Zerrspiegel der verdrängten Geschichte. Die punktuell von Fäkalsprache und anderweitigen Vulgaritäten durchbrochene Sprache imitiert die unter dem Firnis der Zivilisation hervorbrechende Barbarei. Die Hauptfigur hat symbolisch schwerste Verdauungsprobleme, alle Ecken und Enden muss sie furzen, pissen, scheißen, in Aufzüge, ihre Hose und sonstwohin. Martialische Körperlichkeit regiert. 

Subtil ist das nicht, muss es auch nicht sein. Poetologisch interessant ist die Feststellung desjenigen mit den Verdauungsproblemen, „dass man einen Hirsch mit einem einzigen Schuss niederstrecken muss, denn er sei auch schon dahintergekommen, fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu, dass man auch die serbischen Sammellager genauso, mit einem einzigen Satz, mit einem einzigen gezielten, kurzen einfachen Satz ins Herz treffen muss.“ Die Pointe des Romans ist natürlich im Stil beinhaltet: Diesen Satz gibt es nicht, nicht von der Hauptfigur und nicht von Danyi. Dieses Scheitern meint das Fortbestehen der unverdauten weil verdrängten Vergangenheit; durch Trauma sich verkrampfende Eingeweide. Die weißen, linierten Hefte, die der Kadaverräumer kauft, um schriftliches Zeugnis abzulegen, wirft er nach einigen Zeilen wieder weg. Gemäß dem Freudschen Wiederholungszwang als inneres Prinzip des Romans ist dieses Scheitern aufgehoben im neurotischen Sprach- und Bekenntnisgestus, den Danyis Schreiben als Selbstreflexion darstellt. 

So weit, so gut. Nur darf letztlich das literarische Gelingen bezweifelt werden. Stilistisch rennt der Roman – jedenfalls in Deutschland – ebenso offene Türen ein wie mit seiner humanismuskritischen Thematik. Der Text pendelt zwischen Thomas Bernhard und Peter Weiss, die aber jeweils einen passenderen weil seriöseren Ausdruck ihrer jeweiligen Thematik gefunden hatten. Die permanenten Flatulenzen der Hauptfigur stören und zeigen sich bisweilen als ledigliche Flatulenzen der Sprache, unfreiwillig komisch zumal. Stellenweise mäandert sie dahin wie ein schlecht verdautes Etwas im Darm, und man wird den Verdacht nicht los, dass am Ende auch dieser Redeschwall von Roman nicht mehr ist als ein bloßer flatus vocis.

Von Christian Lamp

Zoltán Danyi: “Der Kadaverräumer”, Suhrkamp, 2018, 251 Seiten. Aus dem Ungarischen von Terézia Mora.

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