Roßbacher: Ich war Diener im Hause Hobbs

Elif Batuman schrieb einmal anlässlich der amerikanischen Writer’s Workshops, dass die dort ausgebildeten Schriftsteller alle technisch und stilistisch hochversiert, aber kaum lesenswert seien. Etwas reformuliert: ein gut geschriebener Roman ist noch lange kein gutes Buch. Ganz so schlimm ist es mit Verena Roßbachers Drittling nicht. Die Absolventin des Leipziger Literaturinstituts versteht, ihren Stoff auf souveräne Weise in variierender Stilistik zu formen. „Ich war Diener im Hause Hobbs“ liest sich zweifelsohne gut.

Roßbacher spielt mit allen technischen Mitteln und schert sich nicht um die snobistische Abwehr des Plots: Der Roman setzt ein mit dem thrillerhaften Mysterium eines Toten im Pavillon der reichen Schweizer Familie Hobbs und erzählt sich als Rekollektion deren Dieners, Christian Kauffmann. Der wiederum stammt aus Feldkirchen, wächst dort mit seinen drei engen Freunden Olli, Isi und Gösch auf, die—präzise auf den Punkt gebracht—Zweig und Hesse lesend in Dreiteilern die konventionelle Konterrevolution gegen das in Jeans, Bademode und Rucksack inkarnierte Hipstertum antreten. Allerhand Ana- und Prolepsen verknüpfen verschiedene Handlungs- und Erzählstränge im mäandernden Schreiben des Dieners, durch den Roßbacher eine Fülle von Milieu- und Sprachstudien zeichnet.

Der Roman ist fortwährend durchsetzt mit kleinen Hinweisen auf das aufziehende Drama, seriell qua Cliffhanger geschrieben und gibt sich als eine Art Schnitzeljagd für den Leser. Im letzten Drittel dann all die Eröffnungen: Frau Hobbs war schwanger nicht von Gösch sondern von Olli, ihr Mann Jean-Pierre Hobbs bringt sich aus Scham um, Ollis Vater ist gar nicht sein leiblicher Vater—war Jean-Pierre nicht der Vater von Olli? Nein, Gerome, Jean-Pierres Zwillingsbruder, mit dem Frau Hobbs auch eine Affäre hatte, ist Ollis Vater, Olli bringt sich auch um, … An dieser hysterischen Kette von angeblich sinnvollen Verknüpfungen, die die verschiedenen Milieus zusammenbinden und am Ende eher langweilen, zeigt sich die Biederkeit des Romans. Dass sich dennoch die Kritiken vor Lob überschlagen, ob ZEIT, FAZ oder sonstwer, wirft eher ein Licht auf die traurige Lage deutscher Gegenwartsliteratur als auf die Exzellenz dieses Buches. Mit dem Glasperlenspiel lässt er sich wohl nur dann vergleichen, wenn der zuständige Kritiker seinem Berufsstand Ehre machen und einmal Hesses unverdaulichsten Roman zitieren möchte.

Doch ganz so simpel wie die Kritiker ist der Roman dann doch nicht. Konvention ist auch nur ein Mittel im Werkzeugkasten der Autorin. Schon im Titel klingt Hobbes an: homo homini lupus est. Die Schweizer Kapitalistenfamilie prallt auf die beschauliche dörfliche und geistige Enge ihres Dieners Christian. Eine Moral hat Roßbacher nicht, die Skrupellosen kommen davon, Gewissensbisse führen zum Selbstmord. Der Diener Christian als Mann ohne Eigenschaften reflektiert und strukturiert in seiner Begriffsstutzigkeit und Lahmarschigkeit den Roman. Das ist clever gemacht von Roßbacher: Stilistisch gibt ihr des Dieners Erzählung als Konstruktionsprinzip alle Möglichkeiten, den anrüchigen Plot etc. als literarisch notwendiges Mittel einzubinden. Hier zeigt sich auch, inwiefern der Roman besser sein könnte als seine Lobpreisungen: Insofern die sprachliche Eigenschaftslosigkeit die ganzen Detektivspielchen als verzweifelte Sinnstiftung entlarvt, die im Zweifelsfall das Heuschreckenkapital für den Selbstmord Ollis verantwortlich macht, wie die späten und moralisch zweifelhaften Ausbrüche des Dieners zeigen. Er demontiert sich selbst, ebenso wie die Autorin in der Feststellung ihres Erzählers—Lucian Freud zitierend—dass jeder Künstler sich in seinem Werk selbst porträtiere. Aber natürlich ist auch das ironisch gemeint.

Darin trennt sich Roßbachers Roman von der letzten großen Butlerfigur der deutschen Literatur, Sebalds Ambros Adelwarth. Der Butler verabschiedet sich in die Psychiatrie, wo er seine Erinnerungen auslöschen lässt. Diese Konsequenz der Melancholie des frühen 20. Jahrhunderts weicht der gefälligen und nur irgendwie traurigen Ironie des Dieners Christian Kauffmann. Er sehnt sich am Ende nach mütterlicher Geborgenheit und erreicht seine Erfüllung in Isis Nachricht, er solle doch bitte die familiäre und zuletzt von Olli geführte Entzugsklinik „Dro-Nei-Da“ übernehmen. Am Schluss steht somit die Candidsche Resignation als Rückzug aus der mondänen Welt in die heimatliche Geborgenheit.

Statt der Geschichte ist seit den Hippies die verletzte Innerlichkeit maßgeblich. Die Erkenntnis des zerbrochenen Lebens weicht dem Gefühl der zerbrochenen Seele, deren Scherben die Institutsprosa in der dörflichen, religiösen oder welcher Tristesse auch immer fleißig zu kitten versucht. Eigentlich persifliert die sprachliche Fluchtbahn des Romans dieses Ende. Roßbacher aber hat so viele Ebenen in ihren Roman gezogen, dass sich der Verdacht aufdrängt, am Ende wisse sie selber nicht mehr so genau, worauf er eigentlich hinauswill. Der landläufigen Kritik gefällt das, weil es sie des Urteils enthebt. Mit mehr Verbindlichkeit dagegen wäre Roßbachers Roman gegen sich selbst und das Abdriften in die gerade wegen ihrer Action dröge Konvention der Unterhaltungsliteratur zu verteidigen.

Von Christian Lamp

Verena Roßbacher: “Ich war Diener im Hause Hobbs”, Kiepenheuer & Witsch, 2018, 384 Seiten.

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