Mamardaschwili: Die Metaphysik Antonin Artauds

Auch fünfzig Jahre nach dem paradigmatischen ‚Tod des Autors‘ gibt der Strudel der Zeit den Blick auf Autor*innen frei, deren Leben und Werk in tragischen Konstellationen verflochten sind. Der georgische Philosoph Merab Mamardaschwili ist ein ebensolcher Fall. Zwar gilt Mamardaschwili zu Recht als einer der großen Philosophen der Sowjetunion, doch verschwand er als aufklärerischer Kritiker des Sowjetregimes unter der Verkrustung der stalinistischen philosophischen Staatsideologie und wurde im westeuropäischen philosophischen Diskurs nicht wiederentdeckt, bis sich nun 28 Jahre nach dem Tode Mamardaschwilis der Verlag Matthes & Seitz in der Reihe „Fröhliche Wissenschaft“ um die erste Buchpublikation zweier Vorträge (‚Die Metaphysik Antonin Artauds‘ und ‚Wien der Jahrhundertwende‘) in deutscher Sprache, versehen mit einem begleitenden Nachwort von Zaal Andronikashvili, bemüht hat.

Diese Vorträge, die thematisch um die beiden Hauptpfeiler des Werks Mamardaschwilis, die Metaphysik und die Ontologie, kreisen, stellen, in Konstellation gebracht, eine aufschlussreiche Einführung in dessen Theorieproduktion dar. Dabei bieten die beiden Essays sowohl für die philosophisch geschulte Leser*in als auch für die Noviz*in Anknüpfungspunkte, insofern es Mamardaschwilis bescheidener Anspruch ist, „jenen unmittelbaren, anfänglichen Sinn, aus dem die philosophischen Begriffe hervorgehen [vollziehen zu können], in denen [der] Sinn sich jedoch für die nicht eingeweihten Menschen, die kein Training in der Handhabung dieses [philosophischen] Apparats haben, oftmals wieder verliert. Ich nehme also die einfachste Erfahrung, das, was mir nah ist, und verdeckees nicht mit irgendwelchen speziellen Begriffen.“ (S. 12). Dieser Anspruch ist aber nicht ein nur pädagogischer, durch den der tiefe Gedanke der Gefahr der Verflachung ausgesetzt würde: diese Philosophie versucht die Leser*in in die Bahnen des mimetischen Nachvollzugs des Gedankens stürzen – In der Philosophie als Ereignis fallen Form und Inhalt ineinander.

In dem titelgebenden Essay ‚Die Metaphysik Antonin Artauds‘ entwickelt Mamardaschwili eine auf Erfahrung (des theatralischen Aktes) gestützte Metaphysik, die zentral um die Frage nach der Möglichkeit des authentischen Gedankens jenseits der Bändigung des Denkens in der philosophischen Apparatur des Begriffs kreist. Mamardaschwili geht es also um die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit der „Überschreitung“ des philosophischen Denkraumes. Insofern er den Gedanken als organisches Gebilde begreift, das sich als Ereignis der Repräsentierbarkeit in Sprache und Terminologie entzieht, stellt er das philosophische Denken als begriffliches überhaupt in Frage. Das taucht auch den Vortrag in das Licht des Widerspruchs: Der Versuch, über das Denken als nicht darstellbares zu sprechen, d.h. das darzustellen, was eigentlich nicht darstellbar ist, muss fehlschlagen. Aus diesem Grunde wird der Vortrag zur Einladung zum Nachvollzug des Ereignisses des authentischen Denkens, der stets die Unmöglichkeit der Darstellung des eigenen Inhalts im Auge behält. Mamardaschwili folgt damit dem Diktum Wittgensteins: der Leser „muss sozusagen die Leiter wegwerfen,nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist. […] Er muss [die philosophischen] Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.“ Der Schlüssel in der Metaphysik Mamardaschwilis ist daherdie Erfahrung: In der Erfahrung des Denkens als mimetisches Ereignis kann das Subjekt die künstlichen Grenzen des un-authentischen begrifflichen Denkens zumindest für Momente transzendieren. Mamardaschwilis Versuch kann auch als Neubegründung der Metaphysik nach dem Kantischen Tabu über die metaphysische ‚Schwärmerei’ verstanden werden: Tastend versucht jener den Urgrund der Philosophie fühlbar und deren Entfremdung in den Systemen der Repräsentation nachvollziehbar zu machen.

Dadurch ähnelt sich die Darstellung der theatralischen an: der Vortrag lässt verschiedene – in ihrer Radikalität paradigmatische – Akteure die Bühne der Gedankenentwicklung betreten. Mamardaschwili nennt die Protagonisten seines Vortrages „Märtyrer des Denkens“ (S. 10) und wahrlich, das sind sie: im Zentrum steht der französische Philosoph, Poet und Theatertheoretiker Antonin Artaud, dessen „Poetik […] eine Art zum Äußersten getriebener manischer Hegelianismus [ist], innerhalb dessen die Kunst das Kompendium des Bewusstseins ist, die Reflexion des Bewusstseins auf sich selbst, und der leere Raum, innerhalb dessen das Bewusstsein den riskanten Sprung der Selbsttranszendierung unternimmt,“ wie Susan Sontag einmal treffend bemerkte. Das Artaudsche Instrument der Selbsttranszendierung ist das Theater der Grausamkeit. Das Theater muss, um authentisch zu sein, eine brutale, geladene Erfahrung jenseits der Vermittlungsformen des klassischenTheaters sein, wie Mamardaschwili bemerkt: „Artaud hatte im Blick, dass man eine sehr kompakte, streng strukturierte, eng gekoppelte Maschine braucht, damit der Zustand desVerstehens im Kopf des Menschen überhaupt geschehen kann. […] Das ist das Theater der Gewalt oder das Theater der Grausamkeit […]. Alles Blut und alle Gewalt sind Blut und Gewalt in der Herstellung einer Darstellung, welche die Darstellung zerstört.“ (S. 36).

Dem Autoren gelingt es in Die Metaphysik Antonin Artauds äußerst feinfühlig, die Lebensanstrengung Artauds vom theoretischen Standpunkte aus zu rekonstruieren und die philosophischen Implikationen der Artaudschen Metaphysik ernst zu nehmen. Vor dem Hintergrund der Analyse der ‚Technik‘ des Theaters der Grausamkeit kommt auch der Philosophie im Lichte der Untersuchung eine neue Bedeutung zu: „Nehmen wir die Philosophie. Sie ist keine Summe von Wissen, überhaupt kann das Denken keine Summe sein, die man einem anderen übergeben könnte. Es ist etwas, womit man arbeiten kann – die eigentümliche Kraft einer streng gekoppelten Maschine kann etwas gebären, im Kopf eine Überschreitung induzieren, eine Erfahrung, unser Hineinfallen ins Denken, ins Verstehen, indie Liebe, ins Gefühl uns so weiter.“ (S. 39) Im Zeitalter des formalisierten instrumentellen Gedankens, in dem jede Restspur der Subjektivität aus den Produkten des Denkens getilgt werden soll und der Mensch aus der Philosophie, nach dem Satze Foucaults, verschwindet „wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand,“ lohnt das Nachdenken über solche Neubestimmungen durchaus. Mamardaschwili erblickt in Artaud die momentane Befreiung des Denkens von der Despotie des Begriffs, ohne in die abstrakte Willkür des Immergleichen zu verfallen; das ist die tiefere Bedeutung seiner Philosophie als versuchte Restitution des aktualen reinen Denkens jenseits verwalteter Sachzwänge. Mit Artaud zielt sie darauf ab, „durch den theatralen Akt selbst hier und jetzt (und nicht für immer) in etwas hineinzufallen, was undarstellbar ist, was nicht beherrscht werden kann und reiner Zustand des Verstehensoder des Denkens ist.“ (S. 25). Der Band Die Metaphysik des Antonin Artauds bietet einen äußerst empfehlenswerten Einstieg in das radikale Denken Mamardaschwilis, den zu lesen und zu diskutieren sich lohnt.

 

Von Felix Brandner

Merab Mamardaschwili: „Die Metaphysik Antonin Artauds„, Matthes & Seitz, 2018, 109 Seiten. Herausgegeben von Zaal Andronikashvili und aus dem Georgischen übersetzt von Maria Rajer und Roman Widder.

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