Stegemann: Die Moralfalle

Über den gegenwärtigen Stand der deutschen Linken gibt ein kleines Buch Auskunft: „Die Moralfalle“ von Bernd Stegemann. Darin unternimmt der Berliner Dramaturg und Professor einen Rundumschlag gegen die gescheiterte linke Kommunikationspolitik aus systemtheoretischer Warte. Mit Luhmann heißt es zur „Befreiung linker Politik“: Aufstehen! gegen die verkommene postmoderne Linke, die sich nur noch moralisierend um Repräsentationsfragen kümmert, anstatt den Klassenfeind zu bekämpfen. 

Aber dieser richtige Impuls bleibt ein solcher. Statt Analyse gibt es bei Stegemann nur das ausgeleierte „Cui bono?“ als personifizierende Frage nach dem „Interesse“, so als wüsste nicht schon Jeder seit Jahrzehnten, wer von solchen Linken mit den Profiteueren des Neoliberalismus gemeint wird. Für letzte Zweifler eignet Stegemann das Pamphlet dann auch im Nachwort explizit dem neuen Sammelbecken Wagenknechts als Strategiepapier zu. 

Stegemanns Argument, das auf den ersten Seiten skizziert und danach in einer drögen Liste an Fallbeispielen durchexerziert wird, basiert auf einem einfachen Dreischritt: Erstens, die postmoderne Linke hätte den Hauptwiderspruch Arbeit-Kapital aus den Augen verloren und sich im Kampf um Repräsentationsfragen verheddert. Zweitens, dazu bediene sie sich einer moralisierenden Argumentation, die sich als taktisches Paradox beschreiben lässt. Eine Position wird moralisch aufgewertet, um Widerspruch dagegen zu stigmatisieren. Kritik ist somit automatisch anti-x, wobei das x für eine beliebige zu schützende Gruppe/Struktur stehen kann und rationale Diskussion verunmöglicht. Drittens, diese Kommunikationsstrategie sei eins zu eins der Logik des Neoliberalismus entnommen, insofern diese auf einer Verselbständigung des atomisierten Individuums gegenüber systemischen Zwängen und Zusammenhängen basiere. 

Resultat: Die postmoderne Linke ist der Helfershelfer des Kapitals und damit selbst der Klassenfeind. Denn mit dieser Kommunikation, so Stegemann, befördere die Linke nur auf kultureller bzw. politischer Ebene die Arbeit des Kapitals, indem systemische Kritik mit Verweis auf das moralisch zu optimierende Individuum unterbunden wird. Statt diese Analogie begrifflich zu unterfüttern oder diesem Herumreiten auf Nebenwidersprüchen nun allerdings eine Analyse des Hauptwiderspruchs und seiner Vermittlungsebenen entgegenzusetzen, bleibt Stegemann mit seinem strategisch verwursteten Luhmann auf der Zirkulationsebene der Gesellschaft stehen. Die Kritik der politischen Ökonomie versandet in der Kritik der politischen Kommunikation.

Der nurmehr zum demagogischen Stimmenfang ausgerufene Kampf gegen das Kapital regrediert in dieser Luhmannschen Analyse zur Spiegelfechterei gegen die Zirkulation, sei es der von Kapital – oder der von Arbeit. Aufstehen heißt, stramm zu stehen. Die theoretische Armut des Strategen offenbart so die realpolitische Aussichtslosigkeit einer Linken, die gegenüber der kapitalistischen Globalisierung nur die Flucht auf die heimatliche Scholle des bröckelnden Wohlfahrtsstaates kennt und die deshalb keine praktische Solidarität jenseits des autochthonen Zusammenhangs mehr übrig hat.

Das Einzige, wovon Stegemann die linke Politik befreit, sind die letzten Reste ihrer Scham: indem er sie von der theoretischen Kritik dispensiert.

Von Christian Lamp

Bernd Stegemann: „Die Moralfalle. Für eine Befreiung linker Politik“, Matthes & Seitz, 2018, 205 Seiten.

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