Finkelstein: Überleben

„Le cybernétique n’est pas un monde altruiste, il fait partie de moi : mon iPhone est le prolongement de mon cerveau.“ – F.A. Finkelstein.[1]

Wenn man sich daran erinnert, wer in Frankreich bisher den Platz des kritischen Außenseiters eingenommen hat, so kommt man zwangsläufig auf den Namen Houellebecqs. Genau dieser Gestus des provokativen enfant terribles wiederum machte Frederika Amalia Finkelstein bereits mit 23 Jahren und ihrem ersten Roman L’Oublie (2014) in Frankreich schlagartig bekannt, die über ihre eigene Zeit, über ihre Generation und über ihr Land zu Gericht sitzt. Die medialen Reaktionen waren recht einseitig, man interessierte sich vor allem für die Tatsache, dass Finkelstein es gewagt hatte, die moralische Autorität des Shoah-Arguments zur Debatte zu stellen. Dagegen feiert man ihren gegenwärtigen zweiten Roman Survivre, deutsch: Überleben, vor allem wegen seines vermeintlichen Aktualitätsbezugs. Er schildert die Ereignisse rund um das Attentat im Pariser Club Bataclan und wie seitdem die konzentrierte Paranoia sich im moi der Protagonistin, in ihrem Pariser Alltag und in der digitalen Medienlandschaft festgefressen hat. Das klingt beides nach Houellebecq, und ist beides verfehlt.

Das große Thema Finkelsteins liegt gerade nicht in diesen erzählten Tatsachen. Vielmehr kreist ihr Schreiben und ihre literarische Formgebung um genau eine zentrale Frage, zu der ihr die Realität das Material liefert: Was ist der digitale Mensch? Das zarte anthropologische Interesse konterkariert den anklagenden Gestus des neuen Romans, auch wenn er hier und da in moralisierenden Dystopie-Kitsch abgleitet. Die Analogie zu Houellebecq verfehlt Finkelstein als bloße Sibylle des Untergangs. Gesellschaftskritik hin oder her, die Art und Weise, wie beide ihre Fragen an die Gesellschaft stellen, ist eine vollkommen andere. Schließlich war es auch nicht der isolierte Fatalist, der in öffentlichkeitswirksame Begeisterungsstürme über die Autorin ausbrach, sondern der weltbürgerlich auftretende Nobelpreisträger Le Clézio, der doch für eine ganz andere literarische Traditionslinie steht.

Die doppelte Struktur dieser literarischen Ambition lässt sich vielleicht am besten an obigem Zitat ermessen. Wie im Interview spielt Finkelstein auch in ihrem neuen Roman mit der Doppeldeutigkeit des Kybernetik-Begriffs als digitales Instrument der Kontrolle des Menschen durch andere Menschen. Die freiwillige Selbstunterdrückung wird aus dem neoliberalen Versprechen der Verfügbarkeit gelöst und transponiert in ein barockes Szenario der Schicksalsverfallenheit. Es verwundert deshalb auch kaum, wenn Finkelstein auf zentrale barocke Stilfärbungen zurückgreift. Aus den im Netz zirkulierenden Photographien der blutüberströmten Leichen des (islamistischen) Terrorismus, überblendet mit dem weißen Rauschen der Shoah, tönt es uns entgegen: Vanitas! und alles in der Szenerie des Metro-Schachts, der sinnschwer daherkommt als Tunnelblick, als Ansammlung menschlicher und unmenschlicher Körper, als lebendige und tote Materie, wobei erstere von letzterer immer schwerer zu unterscheiden ist: Finkelstein ist eine Meisterin der Überblendungstechnik. Diese Ambition zur Synthese ist vielleicht zugleich Verdienst und Schwachpunkt des Romans: Wenn Grand Theft Auto und der Dschihad übereinandergeschichtet werden, ist dies zugleich anregend und intellektuell empörend: „‘Du bist tot‘, und gleich darauf: ‚NOCH EINMAL SPIELEN.‘“ Ist der digitale Mensch nichts weiter als diese Überblendung?

Der provokante Effekt des literarischen Werkes kann recht eindeutig auf Finkelsteins technische Weichenstellungen zurückgeführt werden: Die Überblendung setzt schon mit der heiligen Trinität ein, die auf der ersten Seite des Romans prangt: Hölderlin, Rimbaud, Kertész. Die Aussage, die die Leserin aus dem Text ziehen wird, entfaltet sich dagegen vielmehr an den kleinen Details. Ava, die Protagonistin, ist gefangen in einer Isolationsblase. Die kursive Stimme, die zu ihr spricht – „Du bist schwach“ – scheint schwer zu verorten zwischen schlechtem Gewissen und internalisierter digitaler Prothese: Es könnte auch das Smartphone sein, dass da zu ihr spricht. Ihr Kampf ist derjenige gegen die „alten Muster“ medialen Verhaltens: sich zwanghaft auf Youtube die neuesten Hinrichtungsvideos des IS anschauen zu müssen und Wikipedia-Artikel auswendig zu lernen.

Neben diesen Momenten manischen Erinnerns an Terror und Verfolgung präsentiert Finkelstein doch auch andere, utopische Formen der Erinnerung: Etwa dann, wenn von der Kindheit der Protagonistin in Argentinien die Rede ist und sich – für einen Augenblick nur – deren innere Verkrampfung zu lösen scheint. Gerade in diesen schwermütigen und melodischen Rückblenden entfaltet Finkelstein die ganze lyrische Kraft ihrer Sprache, welche Sabine Erbrich souverän zu übersetzen versteht. „Wir gingen zum Strand. Dort gab es das Meer.“ Es sind solche Sätze, über die man stolpert und in denen der Resonanzraum von Finkelsteins literarischer Sprache erfahrbar wird. In ihrer Lakonie entpuppt sich das dargestellte Gedankengebäude als ein konsequent dialektisches, welches ohne Unterlass zwischen Weltflucht und Weltbeherrschung oszilliert. Ihrer Protagonistin kommt dabei die Sehnsucht nach einer Überwindung des totalen Pessimismus nicht abhanden. Mit Rimbaud, geschult am alten Medium Buch, sagt sie: „Ich weiß nicht, wie ich da wieder rauskommen soll – aber ich komme da wieder raus.“ Diese Aufgabe hat sich mit dem vorliegenden Roman selbstverständlich nicht erledigt, Finkelstein wird weiterschreiben. Wenn es nicht ohnehin sicher wäre, so müsste man es wünschen.

Von Florian Gödel

Résumé en français

Le deuxième roman de la jeune écrivaine Frederika Amalia Finkelstein, Survivre, paru chez Gallimard en 2017 et traduit en allemand l’année suivante chez Suhrkamp dépasse les attributions souvent stéréotypées d’une critique fataliste de la société. Finkelstein n’est pas Houellebecq. Sous la surface discursive, son thème central n’est pas la paranoïa française devant le terrorisme, mais plutôt la dialectique de la cybernétique: que-ce qu’un homme digital, il maître de soi-même ou soumis aux média? Finkelstein décontextualise l’auto-oppression volontaire de la promesse néolibérale et la transforme dans un scénario baroque qui esquisse une forme d’absolutisme du destin. Elle cherche notamment à provoquer par l’utilisation de la technique du fondu-enchaîné: les corps morts du Bataclan laissent place aux corps vivants dans le métro; les vidéos du jihad se superposent aux images de Grand Theft Auto; le terrorisme islamiste est confondu avec la Shoah. Mais c’est surtout que Finkelstein et son protagoniste cherchent à sortir du pessimisme total. La violence poétique de son langage se révèle pleinement quand elle va à la recherche d’un souvenir alternatif de soi. En évoquant les forces anciennes de la tradition littéraire, elle dit avec Rimbaud: je ne sais pas comment sortir d’ici – mais je sortirai.

Frederika Amalia Finkelstein: „Überleben“, Suhrkamp, 2018, 146 Seiten. Aus dem Französischen von Sabine Erbrich.

[1]„Die Kybernetik ist keine altruistische Welt, sie ist ein Teil von mir: Mein iPhone ist die Verlängerung meines Gehirns.“ Übers. F.G. Aus einem Interview der Zeitschrift Elle, online einsehbar unter: http://www.elle.fr/Societe/L-actu-en-images/Generation-Z-les-50-jeunes-qui-font-bouger-la-France/Frederika-Amalia-Finkelstein-24-ans-ecrivaine-auteure-de-L-oubli-Gallimard.

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