Balhorn; Sunkara: Jacobin – Die Anthologie

Gegenwärtig ist eins sicher keine Stärke der deutschen Linken: Optimismus. Umso deutlicher ist das Zeichen, das der Suhrkamp-Verlag setzt, wenn auf der 2018 erschienenen Anthologie einiger Beiträge des US-amerikanischen Magazins Jacobin von folgender „Gewissheit“ zu lesen ist: „Der Kapitalismus wird enden. Vielleicht nicht in naher Zukunft, aber über kurz oder lang. Die Frage lautet also, was als nächstes kommen wird.“

Jacobin wurde im Jahr 2010 als Online-Magazin mit dem Ziel gegründet, eine sozialistische Bewegung in den USA aufzubauen; der Titel verweist auf die französische Revolution, das Logo zeigt Toussaint Louverture, ein Anführer der Haitianischen (der einzigen erfolgreichen Sklaven-) Revolution. Mittlerweile ist es zum inoffiziellen Parteiblatt Bernie Sanders’ avanciert und ein bemerkenswertes Phänomen der US-amerikanischen politischen Landschaft geworden. Mit über 30.000 Abonnenten und monatlich mehr als 1.000.000 Website-Besuchern entwickelt sich Jacobin zur weltweit führenden Stimme einer jungen und radikalen Linken, die die herrschenden Verhältnisse durch entschlossenen politischen Aktionismus bekämpfen will.

Die Anthologie mit ausgewählten Texten ist daher gleichermaßen zeitbewusst und verdienstvoll. Die Themen reichen von Szenarien des Post-Kapitalismus über die theoretischen Probleme der marxistischen Ökonomie bis zu einer Analyse des Aufstiegs „des Donalds“. Der Band bildet damit das inhaltliche Spektrum des Magazins ab, ist aber noch mehr: Die versammelten Texte können als Strategieentwurf einer neuen radikalen Linken gelesen werden, die auf marxistischer Grundlage Stellung gegen den Neoliberalismus in all seinen Spielarten bezieht.

Mit Jacobin fordert diese Linke den Rückzug aus den verästelten Diskursen der Identitätspolitik hin zum Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital. Dabei ist sie keineswegs regressiv: Kämpfe für gender-equality und gegen Rassismus sind zentraler Teil ihrer Strategie, doch sollen diese mit der Kritik am Kapitalismus verbunden werden. Die modernen Jakobiner positionieren sich in einer Welt, die von multiplen Widersprüchen des Kapitalismus gezeichnet ist und über der das Damokles-Schwert der Klimakatastrophe hängt. Mit hemdsärmliger Rhetorik wird eine Jugend mobilisiert, für die die 68er glorreiche Geschichte und der kalte Krieg vergessen ist. Es wäre Zeit, spricht es aus den Texten, für eine neue soziale Massenbewegung. Eines der frühen Hefte, dessen Cover auch als Poster verkauft wird, trägt zur – einer IKEA-Anleitung nachempfundenen – Darstellung einer Guillotine den Titel: „Assembly Required.“

Doch ist dies nicht nur schlichte Rhetorik. Sie verbindet sich mit einer grundsätzlichen Haltung: Die Welt muss und kann verändert werden – das klingt nach dem Lesen des Bandes in den Ohren. Es geht um die Möglichkeit der Massenorganisation, um Aktionen, Generalstreiks und Einheitsfronten verschiedener Bewegungen. Die großen Möglichkeiten politischer Steuerung trotz der Globalisierung und auch die ersten Pläne für die Zeit nach dem Kapitalismus seien schon entwickelt. Dabei ist man pragmatisch: demokratische Wahlen und radikaler Protest; Werbung auf Facebook und Flugblätter; Arbeitervereinigungen und subkulturelle Räume – alles kommt als Mittel zur Veränderung in Frage, das Ergebnis entscheidet.

Damit grenzt sich Jacobin sprachlich wie inhaltlich von einer Linken fatalistischen Typs ab, die in Massenbewegungen den Faschismus wittert, sich selbst für letzte Überlebende der Kulturindustrie hält und der die Welt hoffnungslos düster und kompliziert erscheint. Jacobin geht über diese Tendenzen schlicht hinweg. Die Abgrenzung ist keine theoretische, sondern eine praktische. Jacobin markiert eine Linke mit neuem Selbstbewusstsein, statt der Eingangs zitierten Passage hätte man auch schreiben können: „Die Geschichte ist auf unserer Seite, ob es euch gefällt oder nicht, wir werden euch begraben.“

Für die deutsche, intellektualistisch geprägte Linke ist so viel Optimismus und Bewegungsmut ein neuer Impuls, den dieser Band in die Debatte einbringen kann. Gleichwohl liegt hier auch die Schwäche der Beiträge: Oft scheint alles sehr einfach – vor allem das Denken. Der Leser wundert sich bisweilen, warum der große Umbruch dann nicht einfach passiert. Manchmal spiegeln große Worte und klare Pläne Gestaltungsspielräume vor, die nicht unmittelbar vorhanden sind. Was als Motivation für Demonstrationen nützlich sein kann, wird falsch, wenn man ihm den Anschein theoretischer Reflexion gibt. Diese Schwächen werden deutlicher, wenn man die Beiträge ihres klugen Layouts entledigt und in nackter Form zur Anthologie aneinanderreiht. Auch in dieser Hinsicht kommt Suhrkamp, wenn auch wohl ungewollt, ein Verdienst zu.

In den Jacobin-Texten werden Wirtschaft, Gesellschaft und Politik schnell zu einem Automaten, der durch die Marxsche Gebrauchsanweisung korrekt beschrieben werden kann und an dem nun nur noch einige Schrauben zu drehen und ein paar Hebel zu ziehen sind. Die Menschen werden zwar als unterdrückt beschrieben, sind dann aber doch handlungsfähig, wenn sie sich nur den Reichtum ihres Chefs vor Augen führen: „Expropriate the Expropriaters,“ prangt auf einem anderen Hochglanzposter. Zwar hat das Magazin einen Begriff von Ideologie, aber deren Auflösung scheint schon damit erreicht, nur die richtige Zeitung zu lesen – die eigene natürlich. Deshalb wirken dann auch die postkapitalistischen Zukunftsszenarien eigentümlich leer und vertraut, weil die Menschen nach der Revolution doch immer noch dieselben geblieben sind. Der Wunsch, die Welt zu verändern, schlägt in einen Pipi-Langstrumpf Schematismus des politischen Denkens um. Womöglich ist diese Tendenz den Redakteuren von Jacobin selbst aufgefallen, denn seit Sommer 2017 wird Catalyst: A Journal of Theory and Strategy parallel zum Jacobin-Magazin veröffentlicht und soll als dessen theoretische Reflexionseinheit fungieren.

Diese Distanz zu den weniger materiellen Aspekten der Kapitalismuskritik ist wohl kein Zufall, sondern Teil eines Eindrucks, der sich bei der Lektüre der Anthologie schnell einstellt: Jacobin ist sein Ursprung in der geistig-politischen Landschaft der USA anzumerken. Dies äußert sich vor allem in der Möglichkeit einer breiten Frontstellung gegen bisherige politische Gruppierungen. Positionen, die in Deutschland zumindest zum Schein bereits von Mehrheitsmeinungen belegt sind, wie z.B. Sozialgesetzgebung und Arbeitnehmerschutz, werden von Jacobin überhaupt erst konsequent besetzt. Die Aufteilung zwischen Freund und Feind fällt leicht in einem Land, in dem „socialist“ – in einer schwachen Bedeutung dieses Begriffs – ein effektiver Begriff zur politischen Diffamierung ist. In diesem Kontext, in dem Radikalität realpolitisch noch leicht zu behaupten ist, wird Jacobin zur synthetisierenden Stimme einer Sammelbewegung, die von der radikalen Linken, deren Ziele sie theoretisch bekräftigt bis zu einer gemäßigten Linken, die sie realpolitisch ansprechen kann, reicht.

Jacobin wirkt dabei politisch nicht nur als Magazin, sondern hat es geschafft, sich auf dem politischen Markt als Marke mit integrativer Kraft zu etablieren. Nicht nur konkrete Ideen formt das Projekt Jacobin, sondern auch den Lifestyle einer neuen Linken, die sich wieder als Teil des Klassenkampfes begreift, ohne rhetorisch oder inhaltlich an historischen Altlasten festhängen zu wollen. Es geht nicht zuletzt darum, den Sozialismus wieder schick zu machen und ihm als politischem Lebensgefühl Kontur und Existenzraum zu geben. Wie wünschenswert das ist, muss hier zuletzt offenbleiben: Es bedeutet einerseits eine wirkliche Chance, größere Massen für antikapitalistische Bewegungen zu gewinnen – es bedeutet aber eben auch die Guillotinen-Plakate für die Küchenwand, die man für 10$ + Versand im Jacobin-Shop bestellen kann.

Von Theo Hickfang

Loren Balhorn; Bhaskar Sunkara (Hg.): „Jacobin – Die Anthologie“, Suhrkamp, 2018, 311 Seiten. Aus dem Englischen von Stephan Gebauer.

 

 

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