Böhm: Schellenmann

Eigentlich hätte dieses Buch, schlichter, „Die Fabrik“ heißen können. Die staubige Halle am Fluss ist das narrative wie logische Zentrum des Romans. Stoffbahnen laufen in eine Maschine hinein, Abschnitte werden in einen Häcksler gestopft. Manchmal krepiert die Maschinerie, überlebt hat sie sich schon längst. Die Belegschaft taumelt zwischen Namenswitzen („Warzenmüller“ für Walter Müller, die „Karriereleiter“ für eine Staffelleiter des Mechanikers) und hohl gewordener sozialistischer Agitation hin und her. Für wen oder was eigentlich produziert wird, ist schon lange vergessen in der vom Klimawandel heimgesuchten Provinz, in der Philipp Böhm seinen Debütroman angesiedelt hat.

Im Grunde erzählt er eine klaustrophobische Geschichte vom Hineinwachsen in eine deutsche Kleinstadt. Dazugehören oder nicht, das ist die brennende Frage, die die Hauptfigur Jakob umtreibt und deren Verästelungen Böhm als materiellen Horror bis in Gestik und Mimik verfolgt. „Bin ich ein Tourist?“, fragt er noch im letzten Kapitel. Am Ende des Romans ist er es tatsächlich nicht mehr. Der Weg dorthin aber ist ein traumatischer, den der Debütant über 65 kurze Kapitel in nicht ganz chronologischer Reihenfolge als Selbsterinnerung Jakobs schildert. Das unheilvolle Kreisen der Erzählung ist dabei die zum Stilprinzip geronnene Erfahrung des Eingesperrtseins, das Jakob selbst nicht auf den Punkt bringen kann.

Hartmann, ein wenig älter und Einheimischer, ist das bewunderte Vorbild Jakobs, der, der immer da ist und ihn beschützt. Das vorschnell zum harten Mann gewordene Kind, das den zugezogenen Jakob vor dem Bierzelt mit Fäusten verteidigen muss, weiß Bescheid: über die Provinz. Deshalb will er weg, genauso wie alle anderen, die Jakob trifft. Böhms Ironie dechiffriert konstituierende Paradoxa: Jeder hat Pläne, „Niemand wird länger als ein paar Monate hier arbeiten, auch diejenigen nicht, die schon seit zehn Jahren angestellt sind.“ Die Kleinstadt wird beherrscht von zwei Imperativen. Nicht nachfragen, nicht bleiben wollen. Dass doch jeder bleibt, niemandem die Flucht gelingt, macht sie zur faschistoiden Zwangsgemeinschaft.

Der titelgebende Schellenmann derweil ist ein altes Trachtenkostüm mit aufgenähten kleinen Schellen, das Jakob in seinen Angstzuständen verfolgt: immer dann, wenn er über seinen Platz in der Dorfgemeinschaft nachdenkt. Das Skandalon des Romans ist Jakobs Suche nach Zugehörigkeit, weil er nicht immer schon dazugehört. Der einst revolutionäre Utopos hat sich hier resignativ zwischen Wald und Fabrik eingefunden. „Es ist ein Platz, und solange er in der Fabrik ist, blickt er nicht über die Schulter und kann auch keine Schellen hören.“ Seinen Platz will er nicht aufgeben, seine Freundschaft zu Hartmann zerbricht, als er zu ihm murmelt: Er wolle nicht weg, erst einmal bleiben und weiter hier arbeiten. Damit hat er aber das ungesprochene Gesetz des Dorfes verraten. 

Der Rest des Buches ist Jakobs Suche nach Hartmann, der verschwunden ist, aber eigentlich die Suche nach Wiedergutmachung. Er muss seinen Verrat sühnen und wieder heimgeholt werden: verkameradet, wie Sebastian Haffner einmal schrieb. Im 44. Kapitel holt ihn sein Trauma ein und sagt ihm als Schellenmann: er müsse nur die richtigen Fragen stellen, habe das nie getan. Doch das wäre genau der Verrat an der anderen Regel der Provinz: nicht nachzufragen. ‚Richtig‘ sind Jakobs Fragen deshalb nur immanent der Zwangsgemeinschaft, sie zielen nicht auf ihre Denunziation sondern auf ihre Festigung. Sie unterbinden die das Individuum schmerzhaft differenzierende Reflexion.

Konsequent kann der Roman deshalb nur bleiben, wenn dissoziativ der restliche Verlauf kritisch den Weg Jakobs zum Kameraden darstellt. Die am literarischen Vorbild eines Prager Schriftstellers gelernte Passivität der Hauptfigur Jakobs, die zuvor das Unrecht entlarven half, schlägt nämlich an genau einem Punkt in frenetische Aktivität um: als er in einem Stripclub seine Finger im Gesicht eines pöbelnden Gastes verkrallt und ihn zu Boden schlägt. „Du musst überhaupt nicht nachdenken. Du hast schon viel zu viel nachgedacht. Du hast reagiert. Das ist gut. … So machen wir das.“ Sprach ein Kamerad. Die ausbrechende Gewalt als kathartisches Moment besiegelt sein Schicksal. Das Moment der Wahrheit geht von Jakob zum Roman selbst über, der sich gegen ihn wendet. 

Der Schritt aus der Passivität konstituiert im Roman Jakobs Schuld ebenso sehr wie die beginnende Anerkennung durch die Dorfgemeinschaft. Noch einmal wagt er den Verrat, erzählt auf der Heimfahrt vom Stripclub wieder davon, dass er erst einmal hierbleiben und weiterarbeiten will. Aber schließlich lernt er seine Lektion. Im letzten Kapitel weiß er: „Ich glaube, ich habe einen Plan. Man muss doch wissen, wie es weitergeht. Man muss auf etwas zuarbeiten.“ Dass er noch nicht wirklich einen hat, ist ebenso wie das hilflose „Man muss“ ein letztes Zittern im Romangerüst. Aber entlarvende Fragen stellt er nicht mehr, auch sich selbst nicht mehr. Stattdessen beginnt er zu erzählen. Indem er so sein Trauma überwunden hat, ist er in den Augen des Romans schließlich doch einer von ihnen geworden. Und wenn es im letzten Satz heißt: „‚Okay‘, sagt Jakob zu sich selbst und steigt endlich aus“, dann klingt das wie ein Urteil. Er ist angekommen.

Von Christian Lamp

Philipp Böhm, „Schellenmann“, Verbrecher Verlag, 2019, 224 Seiten.

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