Berendsen/Cheema/Mendel: Trigger Warnung

Die Feststellung, die Linke würde mal wieder auf irgendeiner Weise in der berühmten Sackgasse stecken und die damit geläufig verbundene Warnung, dass die Abdankung ihres Denkstandpunktes nur noch eine Frage der Zeit sei, ist eigentlich keine neue und wird seit dem Scheitern der marxistischen Arbeiter*innenbewegungen am Anfang des vergangenen Jahrhunderts immer wieder gerne aus der Mottenkiste hervorgekramt. Ob nun nicht – zwei Titel Wolfgang Pohrts variierend – im Angesicht des scheinbar unbezwingbaren und gnadenlosen Fatums der selbstzweckhaft auf der Stelle kreisenden Zirkulation des Kapitals zynisch über Kapitalismus forever spekuliert werden sollte, statt im Modus der Krisenrhetorik in Permanenz die Rede vom Allerletzten Gefecht ständig neu aufzuwärmen, ist eine Frage für ein andermal. Die Warnung vor dem Abgrund, an dem man mal wieder stünde, und der Blick in eben diesen – ob er dann auch wirklich zurückblickt ist eine andere Sache – übt jedenfalls einen gewissen Reiz aus. Manchmal scheints auch tatsächlich so, als würde nur die Panik im Angesicht der heraufziehenden Apokalypse – die im postmetaphysischen Zeitalter nicht von vier Reitern, sondern wahlweise vom steigenden Thermometer oder der Sonntagsfrage verkündet wird – noch irgendetwas in den zermürbten und zerklüfteten Charakterstrukturen auslösen.

So greift auch der kürzlich im Verbrecher Verlag erschienene Band Trigger Warnung diese Motivik auf: Entlang von 21 erfrischend kompakten Beiträgen in insgesamt 3 Teilbereichen widmet sich dieser Band einer facettenreichen Kritik der Identitätspolitik. In der Einleitung der Herausgeber*innen Eva Berendsen, Saba-Nur Cheema und Meron Mendel wird die Notwendigkeit einer solchen Auseinandersetzung wenn nicht im strengen Sinne materialistisch, so doch zumindest entlang des tagespolitischen Diskurses unterfüttert: Eine Selbstkritik der Identitätspolitik sei notwendig, weil „der gegenwärtig mit linken Politiken assoziierte Identitätsdiskurs am Anliegen vieler Menschen vorbei geht“, d.h. nicht mehr so richtig ‚zünden‘ will im ‚Volk‘ und die Akteur*innen dieses Diskurses es sich in ihren „Safe Spaces wahlweise zu gemütlich machen“ oder sich „darin selbst zerfleischen“ und jetzt „mit besonders schlechtem Timing“ mit „Politik“ Schluss machen würden: „Trump in den USA, Kurz in Österreich, Orban in Ungarn, Kacynski in Polen, Salvini in Italien, Bolsonaro in Brasilien.“ Im Angesicht des globalen Rechtsrucks versage eine Identitätspolitik „deren Vertreter*innen sich im Kampf um Sprache und Symbole verausgaben, während strukturell und institutionell abgesicherte Ungleichheiten eher unbehelligt bleiben und Rechtspopulist*innen in aller Welt munter den Gang durch die Institutionen antreten.“ Daher gelte es nicht nur die „Perspektiven der Mehrheit“ und die „sozialen Verhältnisse“ in den identitätspolitischen Diskurs mit einzubeziehen, sondern auch, sich der eigenen Praxis mittels Selbstkritik zu versichern.

Daran ist ja nun erst einmal nichts auszusetzen. Dass die Identitätspolitik als eine Politik der partikularen Lebensstile aber für einen Teil der Linken zu einem Ersatz für die Konfrontation mit der Frage geworden ist, wie dem Trend der Verschärfung des sozialen Antagonismus zu begegnen sei, hat zuletzt auch Francis Fukuyama, freilich mit einer anderen, nämlich einer liberal-konservativen Stoßrichtung, herausgestellt. Auch die Selbstkritik der Autor*innen von Trigger Warnung scheint in diese Richtung zu gehen, ohne jedoch, wie bspw. Mark Lilla, dem die identitätspolitische Linke als Totengräber der emanzipatorischen Politik überhaupt gilt, diese Frage zu radikalisieren und sich dem Problem zu stellen, ob man sich nicht aufgrund der immanenten Dynamik der identitätspolitischen Theorie und Praxis „die Möglichkeit verbaut hat, zu einer einigenden, regierungsfähigen Kraft zu werden.“ Lilla zieht daraus die Konsequenz, dass die US-amerikanische identitätspolitische Linke zumindest mitverantwortlich für den Wahlsieg Trumps sei. Damit wäre die Identitätspolitik dann nicht einfach nur machtlos angesichts des globalen Rechtsrucks, sondern die Verhinderung emanzipatorischer Praxis, die diesen mit auf ihre Kappe zu nehmen hätte – dann stünde aber nicht eine Selbstversicherung der eigenen Praxis mittels Selbstkritik oder ein theoretischer Reformismus, sondern die Akzeptanz des evident gewordenen eigenen Scheiterns an.

Vielleicht verhindert gerade der Standpunkt der Autor*innen, die sich größtenteils wohl dem identitätspolitischen Diskurs zuordnen würden, eine solch radikale Sicht der Dinge. Wenn mit Marx gilt, dass der „wesentliche Pathos“ der Kritik die „Indignation“, ihre „wesentliche Arbeit die Denunziation“ und „ihr Gegenstand“ der „Feind“ ist, „den sie nicht widerlegen, sondern vernichten will“, dann mag man es wohl nur schwerlich übers Herz bringen, so gnadenlos mit der eigenen theoretischen Weltsicht umzuspringen und die Waffen der Kritik rücksichtslos gegen sich selbst zu richten. Angebracht wäre es aber allemal, fernab von theoretischen Befindlichkeiten oder Vorlieben zu fragen, ob nicht eher eine Überschreitung des identitätspolitischen Diskurses als dessen Reformation angebracht wäre. Wie ein solcher kritischerer Eingriff aussehen könnte hat ja bspw. der Band Beißreflexe bereits vorgemacht. Mit dessen spaltender Kritik will Trigger Warnung aber nichts zu tun haben, da viele Beiträge des Bandes, wie beispielsweise Hengameh Yaghoobifarah in dem Beitrag „Wir machen Identitätspolitik aus Notwehr” meint, „rechte Argumentationen reproduzieren“ würden, da „nur queere Personen of Color oder Frauen oder trans Personen“ von den Autor*innen von Beißreflexe „persönlich gedisst“ würden.

Das Zauberwort für den Modus der Auseinandersetzung von Trigger Warnung mit der Identitätspolitik ist die – in letzter Zeit zur Modevokabel avancierte – sogenannte solidarische Kritik. Was damit gemeint ist, versucht Yaghoobifarah in dem angesprochenen Beitrag im dritten Teil Verhandlungen des Buches darzulegen, der sich – nicht nur, aber am dezidiertesten – mit der Frage beschäftigt, wie eine solidarische Kritik (die dann von einer sog. destruktiven zu trennen wäre) konkret aussehen müsste: „Es gibt Kritik, die als Kritik gemeint ist, die zum Wachstum einer Community beitragen soll und es gibt auch die Kritik, die nur dazu dient, dass man sich über eine Abgrenzung profiliert. […] Sie macht eine Community weder handlungsfähig, noch hilft sie dabei, aktuelle Probleme zu lösen.“ Das Konzept der solidarischen Kritik soll, wie es im Vorwort der Herausgeber*innen heißt, „emanzipatorische Politik als einen gemeinsamen Prozess“ begreifbar machen „in dem nicht das einseitige Auflösen, sondern das Aushalten von Widersprüchen die Prämisse ist.“ Das bedeutet aber auch – und darauf soll unter anderem der Titel des Bandes anspielen – Dissens auszuhalten und sich einer gewissen Gefahr möglicher Kränkungen auszusetzen. Solidarische Kritik scheint also auf so etwas wie eine Demokratisierung des linken Diskurses hinauszulaufen, indem jenseits von positionellem Dogmatismus auf dem Marktplatz der Ideen zwanglos verhandelt wird. Jedenfalls, das scheint auch ausgemacht, darf eine Kritik, möchte sie solidarisch sein, keine rechten Argumentationen reproduzieren oder den ‚Rechten in die Hände spielen‘. So weit so gut. Die Fragen jedoch, ob nicht auch waschechte Konservative einmal der Sache nach Recht haben könnten und ob radikale Kritik und Solidarität eigentlich auch nicht im Widerspruch zueinanderstehen, berührt der Band leider nicht. Dabei wäre es durchaus spannend zu durchleuchten, ob die ständige Emphase darauf, Kritik müsse immer und in jedem Fall „solidarisch“ sein, nicht eher die alte Angst der Linken vor der ‚Spaltung‘ reproduziert, die sich nur stillen lässt, wenn man sich immer und überall versichert, auch wirklich ein geeintes Kollektiv zu sein, und ob nicht eigentlich eine Charakterdisposition zu hinterfragen wäre, für die Kritik stets die Gefahr einer narzisstischen Kränkung birgt, obwohl jene – und das unterscheidet sie wesentlich von der Polemik oder der offenen Beleidung – auf ideologischen Inhalt und nicht auf Personen zielt. Wird Kritik dagegen bloß noch als ‚dissen‘ – also als respektloses Verhalten der eigenen Person gegenüber – mithin als schlecht-machen aufgefasst, ließe sich zumindest spekulieren, ob dies nicht auf eine ideologische Identifikation mit einem politischen Glaubensinhalt hindeutet, dessen Destruktion für das Subjekt dann persönliche Kränkung bedeutet.

Besonders hervorzuheben wäre dagegen der Beitrag Mimosen, Mimesis und Mimimi von Charlotte Busch im ersten Teil des Buches, der vormacht, wie in der Konfrontation mit einer grundsätzlichen Kritik sich das Konzept der Identitätspolitik durch eine radikale Umwertung wieder für eine emanzipatorische Praxis zurückgewinnen ließe. Busch macht deutlich, wie sich durch die “Fetischisierung von Differenz”, die “Flucht ins Leiden” und die “mimosenhafte Betrauerung der eigenen Einzigartigkeit” in linken identitätspolitischen Zusammenhängen unbewusst die Ideologie des widerspruchslosen, authentischen und mit sich selbst identischen Individuums einschleicht, das “über die Betroffenheit zum ganz Eigenen gemacht” wird: „Nur über das Leiden kann noch gerettet werden, was schon längst verloren ist: die phantasmatische Hoffnung, dass die eigene Subjektstruktur doch nicht ganz so sehr von der Gesellschaft durchdrungen ist, sondern ihr selbstbestimmt und echt gegenübersteht. […] Die Inszenierung des Leidens fungiert als Immunisierung gegen das eigentliche Elend: die eigene Vergesellschaftung.” Damit geht in der Vereinzelung im Leiden die kritische Einsicht in die gemeinsame Ursache der Beschädigung verloren. Dennoch liegt – und das ist die dialektische Volte des Beitrags – in dem mimetischen Moment der Betroffenheit die Möglichkeit, sich auf den “universalistischen Moment des Betroffenseins” zu besinnen und durch das Hinzutreten der lebendigen Erfahrung die bestehenden Verhältnisse als das zu erkennen, was sie sind: ein irrationaler Zwangszusammenhang. Damit diese Erfahrung jedoch wirksam werden kann ginge es darum, “Leiden beredt werden zu lassen und es nicht im Sumpf der eigenen Einzigartigkeit verhallen zu lassen und damit zu Apologet_innen des Bestehenden zu werden.”

Von solch grundsätzlichen Kritiken hätte man sich mehr gewünscht. Aber dazu wäre die Bereitschaft erforderlich, das eigene theoretische Weltgerüst radikal in Frage zu stellen, es der Gefahr der Demontage auszusetzen und jedes Bauteil kritisch hin und her zu wenden und nach seiner Brauchbarkeit zu befragen. Dies ist schade, denn darüber hinaus liegt mit Trigger Warnung ein umfangreicher Eingriff in kontroverse Debatten des identitätspolitischen Diskurses vor, der verschiedene feuilletonistisch geführte Auseinandersetzungen des vergangenen Jahres entfaltet: Es geht bspw. um #MeToo bei Eva Berendsen, Avenidas und die Freiheit der Kunst bei Lena Gorelik, Dreadlocks bei Deborah Krieg, Kollegahs Echo-Nominierung bei Cèline Wendegaß und Tom David Uhlig sowie Content Warnings in der akademischen Lehre bei Sarah Elsuni. Damit eignet sich der Band durchaus als Einstieg in dieses vielschichtige Debatten-Konglomerat, womit eines der Ziele eingeholt wäre: den identitätspolitischen Diskurs der ‚Mehrheit‘ zumindest zugänglich zu machen, der sich die Debatten sonst verschlössen, weil sie mit der kanonischen Pflichtlektüre nicht hinterherkommt oder sich schlicht eher für den Wirtschaftsteil der Zeitung als fürs Feuilleton interessiert.

Von Felix Brandner

Eva Berendsen, Saba-Nur Cheema, Meron Mendel (Hrsg.): Trigger Warnung. Identitätspolitik zwischen Abwehr, Abschottung und Allianzen. Verbrecher Verlag, 2019, 255 Seiten.

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