Dankemeyer: Die Erotik des Ohrs

Literatur über Theodor W. Adorno gibt es wie Sand am Meer. Ist Adorno also zum Klassiker avanciert, wie Rüdiger Bubner vor zwanzig Jahren bemerkte? Denn „[d]er Klassiker aber ist der, an dem noch späterhin Interesse sich festmacht, nachdem die Kämpfe verstummt sind.“ (Bubner) Nur ‚der Adorno‘, über dessen Werk in den letzten Jahren eine wahre „Sündfluth von Büchern“ (Kant) erschienen ist, wollte niemals Durchlauferhitzer für die Debatten der Forschung sein, sondern „Sand statt Öl im Getriebe“ (Bubner). 

Jedenfalls hätte ihn wohl – wie er über einen anderen schrieb – „die Vorstellung einer mächtigen Wirkung nach dem Tode […] schwerlich beglückt. […] Die Vereinbarkeit des Weltfeindes mit der Welt wird zum Einwand gegen ihn und seine Art Weltfeindschaft.“ Diejenigen, denen die Forschung an Adorno den Zugang zu Ämtern und Pfründen sichert, müssten sich also zumindest die Frage gefallen lassen, ob ihnen eigentlich zur „Wiederkehr [der] von [Adornos] Denken kritisieren Fakten, Verhältnissen und Charaktere“ (Pohrt) nichts mehr einfällt. Auch traditionelle Theorie über kritische unterliegt Horkheimers Verdikt. Schmiert nicht über Adorno nachzudenken nur das Getriebe, das dieser durch sein Werk blockieren wollte, wenn man dabei nicht lernen möchte, wie mit ihm zu Denken wäre? Aber was hieße das?

Nun ist vor kurzem ein neues Buch über den kritischen Theoretiker in die Regale gekommen: Iris Dankemeyers‘ Die Erotik des Ohrs. Adorno also schon wieder und ‚noch einmal‘? Doch damit wäre man zu schnell über ein Buch hinweggeschritten, das Aufschluss darüber geben könnte, was ein Nachdenken über Adorno von seinem Gegenstand lernen könnte, ohne sich dabei darin zu erschöpfen, Anweisungen fürs Denken herauszuarbeiten, sondern das gleichzeitig das Spiel spielt, dessen Regeln es beschreibt. Herausgekommen ist eine philosophische Provokation: ‚unanständiges Denken‘, wie es die Autorin nennt.

Die Erotik des Ohrs ist kompromissloser Einspruch gegen die Verwissenschaftlichung der Kritik und eine leidenschaftliche Verteidigung Adornos gegen seine akademische Rezeption. So erinnert das Buch der Anlage nach an Andrew Culps Dark Deleuze, das den konspirativen Kommunisten Gilles Deleuze aus dem Dunkel herausheben möchte, in den die Rezeption diesen gestellt hat und sich durchaus als Manifest der Widerbelebung des französischen Philosophen versteht. Auch Dankemeyer macht es sich zu Aufgabe, die Schattenseite des Adornoschen Denkens zu durchdringen und so dessen verdrängten, durch die Forschung abgespaltenen Gehalten wieder auf die Spur zu kommen; also keine neutralisierende Leichenschau zu betreiben, sondern Reanimation eines aus ihrer Sicht kaltgestellten Denkens. Die dinghafte Schale, in die die Forschung den Weltfeind Adorno eingeschlossen hat, möchte Dankemeyer knacken und gleichzeitig vormachen, wie über ‚den Adorno‘ nachzudenken wäre, ohne ihn in diesem Zuge wieder zum toten Ding zu machen. 

Ganz oberflächlich gesprochen ist der Topos, dem Dankemeyer durch das Denken Adorno folgt, der der Leidenschaft, den die wissenschaftliche Berufsphilosophie – durch ihre Verpflichtung auf Nüchternheit, Sachlichkeit und Neutralität – aus diesem herausgeschnitten habe. Dass Lust, Gefühl und Triebregung mit dem körperlosen Geist zusammengehören, dafür steht – so Dankemeyer – Adornos Denken ein. So schreibt dieser in einem Exkurs zur Ästhetischen Theorie, dass sich in der ästhetischen Verhaltensweise „Eros und Erkenntnis“ vermählten. Jene ist nach Dankemeyer von der kritisch-philosophischen nicht zu trennen; schon hier wird die Frontstellung gegen Habermas‘ späteren Vorwurf der Ästhetisierung der Theorie überdeutlich. Adorno denkt „mit den Ohren“, so beschreibt es Dankemeyer, und meint damit, dass jener auf eine Erkenntnis aus sei, in der sich Körper und Geist dialektisch vermitteln. 

Die Erotik des Ohrs spießt diesen Zusammenhang nicht vom Resultat her auf – und so wartet man auch vergeblich auf ein zusammenfassendes Resümee am Ende des doch 400 Seiten starken Buches, das die Lektüre abkürzen könnte –, sondern versucht diesem im Nachvollzug seiner Entfaltung auf die Schliche zu kommen. So soll der Schein der totalen Identität des Werkes Adornos durchbrochen und dessen Genesis mit den biographischen Erfahrungen und Reflexionen seines Autors vermittelt werden. Auf diesem Wege soll gegen ein Denken, das nach der Autorin auch als interpretierendes identifizierend bleibt, die Entwicklung des Topos vom ‚Denken mit den Ohren‘ rekonstruiert werden, in der sich freilich auch umfassendere Problemstellungen des Adornoschen Denkens spiegeln. 

Die erste Hälfte des Buches konstruiert vier Szenen, die jeweils einen anderen Adorno in einer „Situation“ aufs Parkett rufen, „deren Reflexion über die private Verarbeitung hinaus entscheidend für sein Denken wird.“ So folgt man dem Wiener Adorno auf seinem Weg vom jungen Nachwuchskomponisten zum Philosophen wider Willen: Durch den äußerlich erzwungenen Abschied von seiner Vergangenheit erst im Exil in zunächst New York und dann Los Angeles, schließlich als Unruhe stiftender Vortragsredner im postnazistischen Deutschland, wo er zur nationalen Gegenidentifikationsfigur avanciert. Ab und an lässt er während der Darmstädter Ferienkurse die Wiener Erfahrungen noch einmal lebendig werden, kann als komponierender Philosoph in der musikalischen Gemeinschaft aber keine Heimat mehr finden. 

Diese Szenenanalysen liefern den Stoff für vier ‚abschließende‘ Essays, die das Material noch einmal hin- und herwenden und die Szenen so zu einem mehrfach strukturierten Geflecht zusammenschließen. Indem der Stoff derart zusammengezogen wird, entsteht eine spannungsreiche Konstellation, die – wenn man bereit ist, die Erotik des Ohrs von Anfang bis Ende zu lesen – den Topos der ‚Vermählung von Eros und Erkenntnis‘ aufschließt, ohne ihn unter eine identifizierende Systematik zu zwängen. Eine solche Analyse durchbricht den Bann der Verwissenschaftlichung der Kritik. In der Erotik des Ohrs kann man – wenn man so will – den Kampf des verdinglichten Denkens gegen sich selbst nachvollziehen. 

Deswegen besteht Dankemeyer auch darauf, dass die „spezifische Produktivkraft Adornos“ nicht durch „systematische Erhellung“ zu stellen, sondern nur durch „idiosynkratische[r] Diskretion“ auf die Spur zu kommen sei. Jene sei ein „Geheimnis“ – müsse es sogar sein. Zu fragen wäre, wie eine solche Geheimniskrämerei, die derart als Angriff auf die Systematisierung auftritt, überhaupt systematisch in die philosophische Debatte eingreifen kann? Oder anders und ein wenig kontroverser ausgedrückt: schnappt nicht, angesichts einer derart lustvollen Absage an die „zölibatäre Argumentationslogik“, der Habermassche Vorwurf des „Verzichts auf konkurrenzfähige Erkenntnis“ ein? Anders denn als Provokation genau dieses Vorwurfs kann man die Anlage der Erotik des Ohrs auch gar nicht verstehen. Deutlich wird das auch besonders am Stil Dankemeyers, die den Stoff nicht an der kurzen Leine des systematischen Arguments führt, sondern den Gedanken diesem überlässt. So hat man in vielen Passagen das Gefühl, Dankemeyer ließe sich – mit offenem Ausgang, aber keinesfalls willkürlich – durch ihren Stoff treiben. Das ist vergleichbar dem musikalischen Improvisieren, wenn die Klangfolgen in der Ausführung selbst entstehen, sich aber an einer musikalischen Grammatik orientieren. 

Die Faszination Dankemeyers für ihren Stoff – und hier hätte Habermas erneut etwas einzuwenden – drückt sich schließlich auch in der Überschreitung der etablierten Gattungsunterschiede zwischen Literatur und Philosophie aus. Die Autorin verflüssigt diese, wenn sie spielerisch literarischen Inspirationen folgt; ungeniert und lustvoll mit ihrem Stoff arbeitet. Gleichzeitig kann Dankemeyer – hier würde sich noch einmal die Parallele zur musikalischen Improvisation aufdrängen – nicht in der Entfaltung des Stoffes verschwinden, sondern bleibt als reflektierendes Subjekt stehts anwesend, das diesen interpretierend auslegt. 

Die Wahrheit des philosophierenden Subjekts ist nicht sein Auf- und Untergang im Stoff – das ist die recht bemerkte Grenze der Parallelisierung der kritisch philosophischen mit der ästhetischen Verhaltensweise. Wer, „was die Sache selbst heißen mag […] erkennen will, muß mehr, nicht weniger denken“ (Adorno); das ist bei aller methodischen Emphase – die, rein aufgefasst, wiederrum idealistische Präsupposition wäre – auf der „postulierten Passivität des Subjekts“, dem ‚Zusehen‘, ‚Abhorchen‘ und dem ‚sich Überlassen an das Objekt‘ stets zu beachten. In der Sache versinken heißt so gesehen, sich denkend versenken. Eine letzte kritische Frage ließe sich allerdings hieran anfügen: Ob nämlich die Versenkung in die Sache oder der Vorrang des Objekts wirklich Adorno und sein Werk sein sollte und nicht die philosophische Sache, über die dieser doch nachdenkt.

Die Kampfansage gegen die Verwissenschaftlichung der Kritik jedenfalls ist in Dankemeyers Fall – Benjamin reformulierend – radikal und konsequent. Das macht die Erotik des Ohrs zu dem gewagten Versuch der Reintegration einer philosophischen Arbeitsweise, die Max Weber einst dem jungen Georg Lukács aus Sorge um dessen Karriere noch austreiben wollte: „[Der Essayist] gehört nicht an eine Universität und gereicht dort weder dem Betrieb, noch vor allem sich selbst zum Heil.“ Das provoziert natürlich den enterotisierten Wissenschaftsbetrieb, weil es diesem seine Selbstbeschneidungen und -versagungen, schließlich: Akkomodation praktisch vorrechnet oder zumindest festhält, dass sich auch anders Denken ließe.

Von Felix Brandner

Iris Dankemeyer: „Die Erotik des Ohrs. Musikalische Erfahrung und Emanzipation nach Adorno“, Edition Tiamat, 2020, 408 Seiten. 

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