Heinrich: wie eine religion der anderen die wahrheit wegnimmt

„Er war tot. Tot für immer? Wer kann es sagen. […] Man kann nur sagen, daß alles in unserem Leben sich so vollzieht, als träten wir bereits mit der Last in einem früheren Dasein übernommener Verpflichtungen in das derzeitige ein; es besteht kein Grund in den Bedingungen unseres Erdendaseins selbst, weshalb wir uns für verpflichtet halten, das Gute zu tun, zartfühlend, ja, auch nur höflich zu sein […]. Er wurde begraben, aber während der ganzen Trauernacht wachten in den beleuchteten Schaufenstern seine jeweils zu dreien angeordneten Bücher wie Engel mit entfalteten Flügeln und schienen ein Symbol der Auferstehung dessen, der nicht mehr war.“ (Proust, Die Gefangene)

‚wie eine religion der anderen ihre Wahrheit wegnimmt‘ ist die letzte Schrift Klaus Heinrichs, die zu dessen Lebzeiten veröffentlich wurde. Der Tod Heinrichs am 23. November 2020 böte Gelegenheit zur umfassenden Würdigung. Nicht aufgrund eines Unbehagens, das Adorno einmal bei ähnlicher Gelegenheit verspürte – „Er [scil. Der Begriff der Würdigung] meldet den unverschämten Anspruch an, daß, wer das fragwürdige Glück besitzt, später zu leben, und wer von Berufs wegen mit dem befaßt ist, über den er zu reden hat, darum auch souverän dem Toten seine Stelle zuweisen und damit gewissermaßen über ihn sich stellen dürfe“ – wird hier auf eine solche verzichtet. Der Grund ist so banal wie triftig: nach dem Tode Heinrichs hat es im deutschen Blätterwald ordentlich geraschelt und wer bis vor Kurzem noch Nichts über den Berliner Religionsphilosophen wusste hat eines sicherlich erkannt: Der ‚Outsider‘ Klaus Heinrich war wohl eine der unbekanntesten intellektuellen Gallionsfiguren der Bundesrepublik. 

Diese Marginale möchte es sich nicht anmaßen, von unten her über ‚den‘ Heinrich zu reden, sondern versuchen, sich in der Sache – und die ist eben Heinrichs Denken im Allgemeinen und das soeben beim ça ira-Verlag erschiene Büchlein ‚wie eine religion der anderen die wahrheit wegnimmt‘ im Besonderen – zu bewegen. Das mag dann vielleicht den Rockzipfel der Bedeutung des historischen Materialismus Heinrichs für ein Denken zu greifen bekommen, das festhält an der Hoffnung, dass die selbstmörderischen Verstrickungen der noch nicht zum Bewusstsein ihrer selbst erwachten Gattung doch einmal überwunden werden mögen.

Die drei kleinen Studien, die das Büchlein versammelt, beeindrucken dadurch, dass es in der Konfiguration gelingt, einen Faden durch die äonenalte unbewältigte Menschheitsgeschichte zu schlagen und ein Kontinuum der Wiederkehr des Verdrängten und der Verdrängung bis in die Schübe der jüngsten Vergangenheit hinein darzustellen. Diesem Faden wird also zu folgen sein, um die Klammer zumindest anzudeuten, die die Reflexionen über das Johannesevangelium und das postnazistische Bandenwesen zusammenschließt. Von dort her kann dann gezeigt werden, auf welche verblüffende Weise es Heinrich hier gelingt, in den Stoffen der Mythologie und Religion sedimentierte gesellschaftliche Realprozesse sowie verdrängte Erfahrung und deren Wiederkehr als in ihnen enthaltene Spannungen und Konflikte freizulegen. 

Die erste Studie beschäftigt die Frage, wie sich die Wahrheit des Christentums gegen die des Judentums historisch durchsetzen konnte und auf welche Weise es im Johannesevangelium gelingt, die Sohnesreligion als eigentliche Vaterreligion zu inszenieren. Inhaltlich gelesen setzt sich die Studie also mit der Antwort des Christentums auf die – angesichts römischer Besatzung und chronisch enttäuschter Heilserwartung – in die Krise geratene Synthesis der alten jüdisch-patriarchalen Welt auseinander. Anders gesagt: Heinrich macht das Johannesevangelium lesbar als legitimatorischer Kitt für die auf den ersten Blick recht wundersame Idee des Jesus von Nazareth sich als Gottes Sohn oder sogar: Gott selbst auszugeben. Diese zunächst befremdlich erscheinende Anmaßung entpuppte sich aber als epochemachende Lösung für die in die Krise geratenen Einheit des Judentums, dessen vertikale Ordnung von Gott-Monarchen/Priester-Väter den Individuen keine Gewissheit der eigenen Position im Weltganzen mehr vermitteln konnte. 

Für den Endredakteur des Johannesevangeliums – welch seltsame Kapriolen solcherart Legitimationsstrategien schlagen, lässt sich auch noch in der mittelalterlichen Trinitätsspekulation nachvollziehen, wenn etwa der Gott des Alten Testaments zum immer schon trinitarisch verfassten umgemodelt wird  – stellte sich ein Problem, das Heinrich nachvollzieht, wenn er zeigt, wie der christliche Wahrheitsanspruch an den jüdischen an- und diesen damit abschließt: Wahrheit kann nie eine halbe sein, sonst ist sie keine. Das aufsteigende Christentum hatte der Rekonsolidierung des Judentums zuvorzukommen und so war die Sohnesreligion gewissermaßen zum Vatermord genötigt, der dahingehend radikalisiert wurde, gleich das ganze Stammbuch umzuschreiben und zur „Eroberung [der] eigenen Vergangenheit“ anzutreten, um die zeitlose Wahrheit des Christentums überzeugend darzustellen. Der Evangelist lässt Christus verkünden, der Stammvater Israels sei eigentlich Nachgeborener und ihn damit auf einen Streich die grammatische Ordnung sowie die Abstammungslinie des Judentums brechen. „Ehe Abraham ward bin ich“ (Jo 8:58) verkündet der Gottessohn und situiert sich damit zeitlos außerhalb der Genealogie und als in Bezug auf diese immer schon präexistent. 

In dieser Konkurrenz um den Wahrheitsanspruch gründet der konstitutive Antijudaismus des Johannesevangeliums, der – worauf Gerhard Scheit hingewiesen hat – über den der synoptischen Evangelien hinausgeht, insofern Johannes die Feindbestimmung weitaus drastischer inszeniert: „Ihr habt den Teufel zum Vater, und nach eures Vaters Begierden wollt ihr tun. Der ist ein Mörder von Anfang an und steht nicht in der Wahrheit, denn die Wahrheit ist nicht in ihm“ (Jo 8:44). Obwohl von „Abrahams Samen“ (Jo 8:37) sind diejenigen, die sich zwar auf Gottvater berufen, aber von der Anmaßung des Jesus von Nazareth nichts wissen wollen, nicht Gottes sondern – so Johannes – des Teufels Kinder, der seine Zöglinge zum Mord am Gottessohn angestiftet habe: „Die Wegnahme der Wahrheit wird dem Beraubten als Wahrheitsmord zur Last gelegt“ so stellt sich die perfide Verschiebung dar, die das Johannesevangelium vornimmt. Die Jüdinnen und Juden erscheinen als sektiererische Fundamentalisten, die von ihrem eigenen Gott abfallen; und mehr noch: als „Mörder des lebendigen, die Finsternis erhellenden Schöpfungswortes.“ 

Heinrich reflektiert diesen Zusammenhang der Personalisierung der Wahrheitsfigur und Wahrheitstreue im Johannesevangelium entlang der Verdrängung der jüdischen Wahrheitsfigur emeth, der Treue, die sich im Bündnis mit Gott erhält, durch den griechischen Wahrheitsbegriff aletheia. Der Gottesbund versprach „die Transformation des unberechenbaren Schicksals in einen, trotz der Zweideutigkeit und Unbeständigkeit der Wirklichkeit, vernünftigen Geschichtsprozess […], der an der Möglichkeit der Versöhnung festhält und daher auf Aufschub, Schonung und nicht aufs Ende zielt.“ (Rolf Bossart) Wurde die Treue Gottes und das in Aussicht gestellte Bündnis beispielsweise durch Hiob im Niemandsland Uz versuchsweise in Zweifel gezogen und der Bruch des Bundes durch den Auftritt eines Gottes gewissermaßen vorweggenommen, der sich scheinbar aus dem Bund mit Israel verabschiedet hat, wird dieser angesichts der realen Enttäuschungen und Erschütterungen tatsächlich problematisch. 

Versuche einer Neustiftung der Verbindlichkeit nach Verrat und Bruch konnten nicht wieder auferstehen, da das Christentum auf die Krise der jüdischen Wahrheitsfigur mit einer eigenen – historisch betrachtet: erfolgreicheren – antwortet, die die Bundesvorstellung in vermittlungsloser Vollkommenheit auflöst, die im Jenseits von Enttäuschung und Erschütterung über die brüchige Wirklichkeit erhaben sein soll. Im Christentum wird die Synthesis nicht mehr durch die Treue zum Gesetz, sondern in Christus durch die Einkehr in die Gemeinde gestiftet. Die synthetische Kraft ist nicht Gesetz oder Gewalt, sondern allein die Innerlichkeit des Glaubens, der das „In-der-Wahrheit-Stehen“ – „Ihr seid aber der Leib Christi und Glieder, ein jeglicher nach seinem Teil.“ (1 Kor 12:27) – verbrieft. Die christliche Antwort auf die Krise des Judentums sollte nicht nur eine Form der Synthesis stiften, die das römische Reich zu Fall brachte, sondern begründet auch eine historisch völlig neue Denkform: die des (spekulativen) Selbstverhältnisses. Ohne Johannesevangelium – so Klaus Heinrich, durchaus nach dem Selbstverständnis Hegels – kein deutscher Idealismus und auch keine Existenzialontologie. 

Wie aber durch das – um eine geometrische Illustration Manfred Dahlmanns mit Christian Thalmaiers Untersuchungen zu diesen Zusammenhängen zu verbinden – Umlegen der göttlichen Genealogie im Fortgang die antiken Ontologien in der frühscholastischen Trinitätsspekulation überwunden werden konnten und sich die horizontale Abstammungslinie zum Selbstverhältnis einkrümmte, holt Heinrich freilich nicht ein. Das Nizänum und die philosophische Bewegung im Anschluss an Marius Victorinus‘ Kritik am Arianismus sind schlichtweg nicht Thema seiner kleinen Studie. Die Eröffnung der historischen Perspektive erlaubt aber den Übergang zur zweiten Hälfte des Bandes, die den Leserinnen und Lesern einen recht unvermittelten Sprung von immerhin knapp 2000 Jahren Menschheitsgeschichte zumutet. Scharfe Kontraste versprechen aber den kleinen „Einsichtsschauer“ (Adorno) erfolgreicher zu provozieren. Denn um diesen allein geht es. Aber auch für Heinrichs radiologischen Blick mag man schließlich auf diese Weise ein Gespür bekommen.

Die zweite Studie beschäftigt die Popularität östlicher Meditation und Askese in der deutschen Nachkriegsgeneration. Was diesen Text mit dem Ersten verbindet, mag zunächst nicht offensichtlich sein. Auf den zweiten Blick zeigt sich aber, dass die Konfiguration einen Einblick in die Wiederkehr der „Suspendierung von Konflikten zugunsten einer Einheit durch Verdrängung von Spannung“ – freilich unter veränderten Vorzeichen, aber dennoch – in der Geschichte der Gattung eröffnet. Heinrich führt die „Faszination, die von den Formen fernöstlicher Meditation und Askese ausgeht”, als postnazistisch gewendetes ontologisches Bedürfnis ein: „Die Formel bietet sich an: enttäuscht von nationalen Opferprozeduren und Vernichtungsunternehmen sowie den zugehörigen philosophischen Reinigungs- und Rechtfertigungsritualen, enttäuscht auch von dem Wechsel zwischen einer in die Geschichte projizierten Kette von Enttäuschungen und der vergeblichen Suche nach dem Nichtenttäuschenden, fasziniert jetzt das Jenseits von Enttäuschung und Nichtenttäuschung – die zur Entlastung aufgerufene, als heilkräftig angerufene Indifferenz.“ Dass die enttäuschte nationalsozialistische In­tel­li­gen­zi­ja – sowohl vor als auch nach der Niederlage – der fernöstlichen Religion und ihren Praxen in keiner Weise ablehnend gegenüberstanden, lässt sich beobachten in einem berühmten Interview zwischen Heidegger und einem buddhistischen Mönch. In deren Einverständnis steckt die unheilvolle Kontinuität, auf die Heinrich aufmerksam machen möchte. Denkt man nebenbei, die nationalsozialistische Niederlage beiseitelassend, beispielsweise an den erstaunlichen Erfolg des Historikers Yuval Noah Harari, reicht jene Einsicht wohl auch noch bis in die Gegenwart.

Was soll nun aber die Krise des Judentums und die Annektion des jüdischen Wahrheitsanspruchs im Johannesevangelium mit den aktuell nicht mehr bewegten, sondern derweilen im Sukhasana dasitzenden Seinsphilosophinnen und -philosophen auf dem meditativen Selbstbeseitigungstrip zu tun haben? Das wiederrum ist nicht zu klären, ohne die Faszination, die Mediation und Askese auf die Individuen ausüben, inhaltlich als Antwort auf die Krise des Liberalismus und Rationalismus zu lesen. Heinrich versteckt in einer Fußnote am Ende der ersten Studie den zentralen Hinweis, dass ohne das jüdische “Bündnisdenken keine Lehre vom Gesellschaftsvertrag” existieren würde – freilich wäre hier zu ergänzen, dass die kapitalistische Synthesis im westlichen Abendland entstanden ist und damit die christliche Fassung des Problems von Allgemeinen und Besonderem zur Voraussetzung hat. Die Struktur von Besonderen und Allgemeinen im jüdischen Bündnisdenken erscheint also wieder in Liberalismus und Rationalismus; die neuere Seinslogik und ihre Praxen versuchen – gewissermaßen dem Christentum analog – die brüchig gewordene Vermittlung in vermittlungsloser Vollkommenheit zu überführen; mit dem Unterschied ums Ganze, dass sich die deutsche Volksgemeinschaft – eine Krisenlösung, die das Johannesevangelium ‚bloß‘ geistig vorbereitet – mit allen Mitteln dranmachte, die Jüdinnen und Juden als personifizierte Negation ihrer vermittlungslosen Vollkommenheit ins Nichts zu überführen; weniger philosophisch ausgedrückt: zu vernichten. Nach der militärisch erzwungenen Beendigung der industriellen Vernichtung findet das Mordkollektiv Halt in moralisch integrer fernöstlicher ‚Praxis’.

Manfred Dahlmanns Unterscheidung zwischen transzendentallogischer und ontologischer Vergemeinschaftung folgend, ließe sich dieser Zusammenhang folgendermaßen skizzenhaft nachvollziehen: Rationalismus und Liberalismus gründen die Beziehung von Einzelnen und Einheit auf Kontingenz – machen deren Vermittlung also notwendig. Die Menschen beziehen ihr Denken und Handeln auf ein Allgemeines, das insofern nicht erfassbar ist, als es nicht je schon vorausgesetzt ist, sondern sich erst durch die Vermittlung hindurch generiert. Freilich – und das ist das Dilemma, wenn der kapitalistische Daseinszusammenhang mit einbezogen wird – ist diese relationale Einheit keine reine Denkbestimmung, sondern objektive Form und die Kontingenz wird von der Wirklichkeit kassiert, indem den Individuen eine äußerliche Einheit gegenübertritt, in die sie ihr Denken und Handeln zu übersetzen haben. In dieser Antinomie erscheint der brüchige Bund Gottes mit Israel; in der neueren Ontologie wiederholt sich das Heilsversprechen Jesu: die Kontingenz in der Vermittlung von Allgemeinem und Besonderem wird eingezogen und alles Besondere als Entäußerung eines vorgängigen Allgemeinen bestimmt: “Ganzheit ohne Makel des Bruchs […] ohne Vermittlungsforderung.” (Bossart) Die Subjekte können sich als Momente der Ganzheit begreifen und sind von der Verantwortung (lies auch: Freiheit) entlastet, Denken und Handeln mit dem Allgemeinen zu vermitteln. 

Diese ‘wahre’ Ganzheit kann dann bestimmt sein als Gott, Sein, Nirwana oder Volk – mit möglicherweise mörderischen Konsequenzen. Die drohender werden, je fester die Krise der kapitalistischen Synthesis an der Geltung der rationalistischen bzw. liberalistischen Form von Denken und Handeln rüttelt. Die „‘Verquickung‘ der Ontologie mit der transzendentallogischen Vergesellschaftung auf deren Basis“ ist fragile Vermittlung: „Vereinbaren von etwas, das sich nicht vereinbaren läßt.“ (Dahlmann) Heinrich führt in der dritten Studie des Bändchens denn auch vom Bund zur Bande und von der Faszination für die fernöstlichen Religion und ihren Praxen zur Faszination für den Nationalsozialismus. Physische und psychische Schreckensvisionen, die nicht ausgestanden sind und denen nur eine „Reflexion auf das kollektive psychische Bedürfnis, dem sie entspringt“ beikommen kann.

Im Lichte genau dieses bedrohlichen Konfliktes sind die drei Studien zu situieren. Heinrich meinte einmal in einem anderen Zusammenhang, dass, „wenn es nicht gelingt, in den griechischen Göttern das zu entdecken, was sie auch noch zu Verbündeten einer sozialistischen Gesellschaft zu machen imstande ist, brauchen wir uns mit den griechischen Göttern nicht zu beschäftigen.“ Das gilt ebenso für die Reflexion des Johannesevangeliums, das Heinrich liest, als ginge es um Profanes. Aus welchen anderen Gründen als weltlichen sollte es aber von Interesse sein? „Die geschichtsdialektische Kritik [hätte] es folglich mit dem Christentum ernster zu nehmen als die Kirche selbst“ schrieb Alfred Sohn-Rethel einmal. Heinrich betreibt in diesem Sinne keine interessenlose Ideengeschichte: nicht bloß, weil in den religiösen Stoffen die gleichen Konflikte und Verdrängungsschübe erscheinen sind sie für das Bewusstsein der Jetztzeit von Relevanz – sondern weil von dort her die Möglichkeit sichtbar wird, die Menschheitsgeschichte als die sich auf erweiterter Stufenleiter reproduzierende absolute Negation der Freiheit zu erkennen und so die Einsicht zu provozieren, die nötig wäre, um die stets bloß scheinbar ausweglose Verkettung in der Selbstverstrickung zu sprengen, „die Geschichte der Gattung besser zu verstehen, vielleicht sie besser fortzusetzen“. 

Die Gefahr des selbstzerstörerischen – weil sich der Verantwortung für die eigene Freiheit radikal entledigenden – Erlöschen des den Aufschub verheißenden Bündnisses in der Identität ist real. An der Hoffnung aber, dass „die Symptome dieser Selbstzerstörung in ebenso viele Hilferufe zu übersetzen“ sind, hält Heinrich fest. Allerding ist er auch nicht unzweideutig optimistisch: diese Hilferufe sind – wie er anderswo einmal bemerkte – stets „Konstatierungen eines grausamen Sachverhalts“; und umgekehrt, fügt das ‚wishful thinking‘ verhalten hinzu.  Trotz Allem – und allein deswegen lohnt sich das Denken und Schreiben – ist es nicht unmöglich, dass die Menschen angesichts einer brüchigen Wirklichkeit einmal den Wiederholungszwang – für dessen Geltung nur sie selbst verantwortlich sein können – zersprengen und die erfahrenen Konflikte nicht zugunsten eines „unlebendigen Einen“ suspendieren, sondern das „zweideutige Leben“ wählen und sich aus Freiheit für eine vernünftige Synthesis als die „Einheit des Vielen ohne Zwang“ (Bruhn) entscheiden. 

Aus diesem dringlichsten aller Gründe ist Heinrichs Schriften eine – wie er selbst meint – „glückliche Fahrt“ zu wünschen. Und dem Ça ira-Verlag ist nicht genug zu danken, die Publikation des Werks Heinrichs übernommen zu haben und fortzusetzen. 

Von Felix Brandner

Klaus Heinrich: „wie eine religion der anderen die wahrheit wegnimmt“, ça-ira, 2020, 76 Seiten. 

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